Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 1 (4.1918)
- Date
- 1918-04-01
- Page
- Seite 44 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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44 Aus der Korrespondenz des Herausgebers. abgelenkt, durch und durch bedenklich und zudem fürchterlich unfruchtbar? Ich empfinde diesen Typus des Juden, und es ist ein jüdischer Typus, als das Gegen* bild des Menschen, als Unmenschen. Wenn er hundertmal mit großen Lettern »Ziel« vor seine Aufrufe setzt, er ist im tiefsten Grund ziellos, grenzenlos, aber ganz ohne Größe, -darum unge* staltet. Und also n i ch t s. Wie soll man von Menschheit sprechen, an sie glauben, solange hunderttausende von Menschen so sind,* notwendiger* weise so sein müssen? Also zunächst einmal müssen die sozialen und psy* chischen Bedingungen geschaffen sein, die jedem Menschen m ö g 1 i ch machen, zu werden, was Sie, was ich ihm wünsche. Nun scheint mir, als wäre die psychische Situation des assimilatorischen Juden eine solche, die es fast notwendigerweise ver* hindert. Er sei Kaufmann, Arzt, Jurist, Lehrer, Arbeiter oder Schriftsteller —- immer findet er sich mit seinem Wirken isoliert, weder in einer Gruppe, noch für sie tätig, so bleibt ihm nur eins: sich selbst als Ziel, Wert und Ende zu begreifen. Dabei ist der Tatbestand nodi zu gut ausgedrüdtt, denn in Wahrheit handelt es sich ihm nur um sein Wohl* ergehen. Legion sind solche Personen auch bei den Mitgliedern organischer Gruppen, aber diese haben Möglichkeiten anderer, höherer Art, die assimilatorischen Juden haben sie nicht. Wenn sie aber der Wille zum altruistischen Leben, d. h. zum Tun und Wirken erfaßt, so müssen sie maßlos und abstrakt werden. Das aber ist nur dann ohne Verzerrung des Menschenbildes möglich, wenn es mit wahrer Größe verbunden ist. Einzelne wirken für die Menschheit. Aber das ist Ergebnis und nidit Absicht. Wo diese als Absicht am Anfang steht, ergibt sich der Typus, den wir so gut kennen, und so wenig lieben: die vermeintlichen Genies. Figuren von trauriger Lächerlichkeit. Und wäre solches Ausgreifen, solches die Menschheit umfassen wollen, wenig* stens erflossen aus Kraft, innerer Not* wendigkeit, ungebändigtem Willen — aber es kommt doch nur aus Not, nur des* halb, weil der Weg in die einfache Be* grenzung, ins natürliche, anonyme Sein und Wirken verschlossen ist und jener andere, Größe, Kraft usw. zur Voraus* Setzung hat. So wird die Voraussetzung sich selbst und anderen vorgeschwindelt. Vielleicht wird das alles Ihnen sehr bür* gerlich und beschränkt vorkommen, ich meine, der erwachsende Mensch muß sich klar werden über das Maß, über die Reichweite seiner Kräfte, und wenn er sich sagt, daß ihm nicht letzte Größe beschieden ist, so finde er sich zur ein* fachen, anständigen und ehrlichen Arbeit. Diese aber kann nur vollkommen werden, wenn sie einen Sinn, eine Beziehung auf die Menschheit hat,- in ihrem Begriff jedoch liegt innen, daß nur ein kleiner Teil der Menschheit umfaßt werden kann: die Gruppe. So gilt ihr »derber Ein* wand« nicht: Geduld. Die Assimilato* rischen werden den Weg in die deutsche Gruppe langsam finden und dann men* schenwürdig werden. Denn hier gilt kein Zahlenrechnen. Wenn auch nur ein Mensch unmenschlich ist, so ist die Menschheit nicht realisiert. Und wer sagt Ihnen, daß es sich nur, nur! um die 100.000 deutsche Juden handelt. Es sind ^Millionen, die vor diesem Schicksal stehen. Aber wenn es nur 100.000 wären, ich bin "darunter, so d a r f ich keine Geduld haben. Ich glaube nach diesem langen Umweg ist Ihre erste Einwen* dung leicht beantwortbar — soweit Sie nicht überhaupt unbestreitbar Richtiges gesagt haben, oder soweit ich mir selbst schon im klaren zu sein einbilde — Wo ist. die Grenze zwischen Deutschen jüdischer Abstammung und dem Assi* milanten? Die Grenze ist scharf, nicht fließend: So einer anonym, natürlich in der deutschen Gruppe wirkt, für sie wirkt, mit ihr verwoben, von ihr im Strahlungs* kreis seiner Person bedingt, in seinem we* sentlichen unbedingt und dennoch ein Ganzes ist, so ist er assimiliert. Wo nicht, dann ist er Assimilant, einerlei ob ein Quentchen fehlt oder alles. Die Grenze ist haarscharf; es gibt nur Schmuggler, die umso weniger gefangen werden, als die Wächter oft genug ihre Brüder sind. Für d;c Redaktion verantwortlich: Dr. Mayer Präger, Wien, L Fleischmarkt u Für Deutschland: Dr. Max Mayer, Berlin, W. i5,-jDüsseldorferstraße 23. <— Verlag von R. Löwit, Berlin und Wien. Druck der Österreichischen Zcitungs» und Druckerei * Aktien * Gesellschaft, Wien, III. Bezirk, Rüdengasse 11