Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 20 (15.10.1938)
- Date
- 1938-10-15
- Page
- Seite 304 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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304 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 20 „ Didaktik der jüdischen Schule Didaktik ist die Lehre vom Unterricht. Der Rektor der Mittelschule der jüdischen Gemeinde in Berlin. He ine mann Stern, behandelt in Gemeinschaft mit 9 Fachlehrern in einem soeben erschienenen Sammelwerk unter dem Titel „Didaktik der jüdischen Schule" eine Reihe von bildungstheoretischen, stofflichen und methodischen Problemen in jüdischer Schau. Der Herausgeber hat das aligemeine und das jüdische Biktungsproblem. ferner „Das Problem des Religionsunterrichts", den Deutsch- und Geschichtsunterricht, außerdem das Mittelstuck des Ganzen, die wichtigen und erhellenden ..Methodischen Grundsatze" (S.69—83) und endlich die Speziafabhandlung „Stundentafel und Stundenplan" selbst abgefaßt. Diese sieben Beiträge sind nicht mir mit dem großen Maß von Wissen des erfahrenen Schulmannes angefüllt, sie zeigen die streng sachliche, nur der didaktischen Aufgabe dienende Richtung des ganzen Werkes, für welches „Neutralität" nicht bedeutctVOT rimr Frnurr and FjiI ichefchag yi"iiihtrlrt nirwirwInhTii ---TnuT-schiedsrichterlich über den Wassern zu schweben, sondern mit Sorge und Sachkunde alle Seiten der einzelnen Scfoulfragen geordnet darzustellen. Die zehn übrigen Aufsätze behandeln folgende Themen: Die Bonner Versuchsschule (Kleinschulproblem mit weniger Lehrkräften als Schülerjahrgängen nach Art der alten Dorfschule) wird sehr klar von dem jetzigen Stettiner Schulleiter Hans Herbert . H a m m e r s t e i n nach der organisatorischen, technischen und * methodischen Seite unter Beschreibung eines Schultages behandelt. Das neunte Schuljahr für Mädchen und Knaben wird von Diplom- Handelslehrerin Dr. Beatrice Strauss in Essen (früher Düsseldorf) und Lehrer Martin Reich.-Berlin, dargestellt, wobei außer auf den eigentlichen Lehrplan besonderes Gewicht auf die Schilderung der allgemeinen Situation der indischen Jugendlichen nach der Schulentlassung gelegt wird. Lehrer Martin Reich ist auch der Verfasser des Beitrages ..Biblische Geschichte und) Bibellesen in der Volksschule" („Tenaöh" als Religionsunterrichtsfach, nicht als wertfreies Stoffgebiet oder Geschichtsauelle). Aus diesem Teil (mit gutem Unterrichtsbeispielert) kann auch der Nichtlehrer und gebildete Laie neue Einsichten über die zweierlei Arten von Bibellektüre gewinnen. Dem „Bibellesen in der weiterführenden Schule" widmet der Berliner Rabbiner Werner van der Zyl einen Aufsatz. Er hat sich seit Jahren mit dem Studiuni der religiösen" EinstellunK Jugendlicher befaßt und in Berlin, wo über ein Drittel der Juden in Deutschland wohnt, einen großen Erfahruhgskreis gefunden; er hat erfahren), wie Schlasworte unserer Zeit durch die „Autorität" halbgebildeter .lugendführer zu ..Ideologien" werden, deren Tragweite gar nicht abgesehen werden kann. Die Themengestaltung für die einzelne Unterrichtsstunde und die einzelnem Klassen ist außer der allgemeinen Erörterung der religiösen Interpretationsweise der Bibel das Wesentliche an diesem Beitrag. Das viel besprochene Thema des Hebräisoh-Unterriohts mit der täglichen hebräischen Unterrichtsstunde und dem neuen Lehnziel, die lebendige moderne Sprache in Wort und Schrift zu pflegen, wird von Lehrer Wolf N e i e r. Berlin, gut und realistisch mit guten Beispielen behandelt. ..Jüdische Grundschularbeit" und ..Palästinakunde" fanden in Lehrer Johannes Wolf f. Berlin und Studienassessor a.D. Hans Gärtner. Berlia sachkundige Bearbeiter. Schließlich kommen noch folgende didaktische Gegenstände zur Sprächet „Abstammungslehre und Erbhygiene der .luden" (Studienrätrn a. D. Käthe Rosenthal. Berlin). „Das jüdische Lied" (MusBclehrer Alfred Loewv. Berlin) und „Das jüdische Motiv im Kunstunterricht" (Zeichenlehrer .i R. Otto Geismar. Berlin). - t 1 Didaktik der jüdischen Schule. Im Gemeinschaft mit Fachlehrern bearbeitet von Dr. Heinemanfi Stern. 8°. 250 Seiten. Vortrupp. Jüd. Buchverlag, Berlin o. J. (1938); Preis gebunden RM. 4.50. Auf 250 Druckseriten ein bunter Stoff, der ohne Wortreichtum und allgemeine Theorien knapp von erfahrenen—und kenntnisreichen Verfassern bearbeitet ist! Die aufbauenden Elemente einer Bildungstheorie. Theorien des Unterrichts und Ideen über unsere heutigen pädagogischen Aufgaben sind leichter aufgezeigt als sich die strengen idealen Forderungen in den praktischen Stoff- und Stundenplänen verwirklichen lassen. Wir beschränken uns hier zunächst darauf, auf die Neuerscheinung des Sammelwerkes von Heinemann Stern hinzuweisen, sein Studium den Lesern dieser Blätter, vor ailem denjenigen, denen die heranwachsende jüdische Jugend in dieser Zeit bei uns anvertraut ist, zu empfehlen. Kritik. Zustimmung, ergänzende Einwände aus anderen Erfahrungskreisen als Berlin, sollen später durch Fachleute hier zu Wlort kommen. Man darf die .Provinz" nicht kurzsichtig rein numerisch-statistisch zum Nebenschauplatz erklären^ und Berlin immer als Muster nehmen. \ Aber der Geist, in welchem das neue pädagogische Gerneir> schaftswerk abgefaßt ist, kann mit gutem Gewissen als richtunggebend für die Sohulverhältnisse überall bei uns bezeichnet werden. Der Herausgeber und die Verfasser sind sich genau bewußt und sprechen es aus: Jede normale Bildungsarbeit muß (neben dem ideellen Ziel) auf der Grundlage bestimmter wirtschaftlichsozialer Verhältnisse der Gemeinschaft aufgebaut und auf eine erkannte oder wenigstens erstrebte Lebenswirklichkeit der Schulergeneration ausgerichtet sein. Jene Grundlage nun ist bei uns im Zerbröckeln und die künftige ..Lebenswirklichkeit" der Schüler ist uns unbekannt. Sinnvolle Bildungsarbeit ist aber trotzdem (wenn auch mit oft neuen 'Mitteln und neuen Zielen) möglich und dringend, da geistige Schulung und spezifisch jüdische Bildung die Grundlage für die neuen, heute noch gänzlich im Dunklen liegenden Lebensverhältnisse der Schüler abgeben müssen. Der geistig möglichst gründlich und umfassend geschulte Mensch ist einer neuen nur geistig und überlegen zu erfassenden Situation besser und elastischer gewachsen als wer ausbildunjrsmäßi« a 1 s Jude nur mit einer Spezialfertigkeit, „die man überall brauchen kann", ausgerüstet ist. Damit ist nicht einer verbfasenen „Allgemeinbildung" das Wort gesprochen, sondern einer nach strengen pädagogischen Grundsätzen und Erfahrungen versuchten Nahebringung aller objektiven Werte, die - zu der Anlage und dem Lebenskreis eines sich entwickelnden Geistes in Beziehung gesetzt werden können. Die Bedeutung des Stern'schen Buches liegt darin, daß der Verfasser und seine zehn Mitarbeiter von der absoluten Notwendigkeit der wohl verstandenen und im einzelnen erklärten allgemeinen Bildung in dem alten „lückenlosen" Sinn trotz unserer bodenlosen Situation tief überzeugt sind. Bildung schlechthin ist nicht nur ein Grundpostulat jüdischer Existenz in allen Lebenslagen der Gemeinschaft und der einzelnen. Auch vom praktischen Erfordernis der -Umstellung und Elastizität aus hat sich die gründliche „unzweckhafte" geistige Schulung der Spezialfertigikeit ohne allgemeine Bildung als überlegen erwiesen. „Der .Jude ist überall und immer, in welch äußerer Situation es auch sein mochte, ein geistiger Mensch gewesen, und er will es auch heute mehr denn je bleiben. Darum empfindet auch der Umschichtler.'selbst der Chahiz, die Bildung, die er in gänzlich veränderte Verhältnisse mitbringt, nicht als Ballast. Der sohulisohe Intellektualismus erhält hier einen ganz neuen Sinn. So behält der Begriff „Bildung" auchals geistige Bildung Sinn und Wert für unsere heranwachsende Jugend, auch wenn sie in ihren positiven Grundlagen, im Wissen, an den deutschen Raum gebunden ist. Sie behält auch ihren persönlichen- Wert ungeachtet des Lebensraumes, in dem sie sich auswirkt; es ist einmal der ideelle Wert für die Lebensgestaltung: auch Bildung ist eine Ouelle persönlichen Glückes, und zum andern der materielle Wert: Bildung ist auch eine Waffe im Kampf ums Dasein." Sprechstunde zur Antragsaufnahme für Hilfsbedürftige Montag bis Donnerstag I von 10-12 und 4-6 Uhr. Laufend bei der Jüdischen Wohlfahrtsstelle Unterstützte brauchen keinen neuen ftntrag zu stellen.