Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-10-01 · 19 (1.10.1938) · p. Seite 292

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
19 (1.10.1938)
Date
1938-10-01
Page
Seite 292 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/10638461-6435885-6435914--456-3770972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

292 Jüdisches Gemeindeblatt für denvVerband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 1 1 RADIO ■■■■ S 1 K H A U S ■ Alle bekannten Fabrikate Verlangen Sie unverbind- ^fl liehe Vorführung. ^^^P r je - w _ i m mm m i m*i ■ wM . -m m m* — 9V ml a m mm LmUNCHEN 2M ' Neuhauserstr. 5Q Ist das möglich? Stellt das nicht im Gegensatz zur Natur? So fragt unsere Zeit. Und das Judentum antwortet: Möglich ist alles, was von einem starken Willen getragen ist. natürlich ist alles, wozu ein Glaubensgeuiüt sich emporringt. Unsere Ahnen haben uns diese Weltanschauung vorgelegt, haben uns gezeigt, daß der Mensch stärker als sein Schicksal sein kann. Der sittliche Mensen soll nicht an der Stunde haften, er soll sich in die Vergangenheit vertiefen und seinen Blick in die Zukunft erheben, dann erscheinen die Tragödien des Lebens weniger gefährlich; Das Tragische ruht doch schließlich im Ausgang, nicht im Stadium der Entwicklung. Wer geschichtlich denkt — und der Jude soll geschichtlich denken — verzweifelt auch in schwerer Stunde nicht, weil er weiß, daß ein höherer Sinn im Weltgeschehen waltet und daß trotz allem Schweren der Weg-der Menschheit aufwärts führt. — nicht immer auf gerader Linie, aber doch zum göttlichen Ziel. Das ist der Trost der gequälten Menschheit, die Zuflucht der bedrängten Seele. Das^Schicksal hat uns Juden im Laufe der Geschichte nicht verwöhnt uudin irgend einer Form haben wir immer gelitten, und doch gingeflNwir mutig den Weg des Lebens weiter, weil wir ein Ziel vor j\ugan hatten, weil wir dem Leben einen höheren Sinn verliehen. Das\Leben unserer Väter war in manchen Epochen noch eingcengteXals das ifnsrige. und doch leuchtete es aus ihnen heraus und an d\n Festen gab es Herzensfreude in der Familie und in der Gemeinde. Man muß es erlebt haben, wie die*" armen Juden alle Sorgen\ von sich abwälzten und mit ganzem Herzen am Thora-Freudenfest jubelten. Strahlend trugen sie die Thprarollen im Ann als ihr kostbarstes Gut, die Thora, für dvfSIP so sehr litten. Ja. je mehr sie für sie litten, desto inniger liebten sie sie. Es war ein herzerfreuendes Bild, die ganze Geme:nde Israel vor Gott jubelnd zu sehen. Diese geplagten Menschen waren am Feste anders, verwandelt, verklärt. Sie verstanden"es, sich vom Irdischen abzuwenden und mit ganzem Herzen dem Göttlichen zuzustreben. Ihr Glauben hat, ihnen Lebenskraft. Lebensfreude gegeben. So haben sie sich erhalten. Die Geschichte kopiert nicht und gewiß, liegen die Verhältnisse heute anders . Und doch können und sollen wir aus der Geschichte lernen und die Vergangenheit muß uns ein Wegweiser in die Zukunft sein. Wir waren im Grunde immer unterwegs, — das ist unser Schicksal. „Den Wanderstab in der Hand, den Gürtel um die Lenden". — das ist Symbol des jüdischen Lebens seit dem Auszug aus Aegypten. Aber wer ein Ideal hat. ist nie heimatlös. Unsere Väter trugen ihre innere Heimat immer mit sich, das schützte sie vor Verzweiflung und Stumpfsinn, den gefährlichsten Polen des Gemiitslebens. Der Weg der Geschichte geht trotz aller Hemmnisse weiter und die Judenheit geht nicht unter. Der Jude, der an seinen Gött glaubt, muß auch an den jüdischen Beruf als Künder ewiger Wahrheit, als Kämpfer ,ftiY Gerechtigkeit glauben. Das jüdische Leben ist wie eine Drehbühne: dunkelt es in einem Teile, dann leuchtet es im andern um so heller. Die Vor- ■ sehung hat uns in allen Drangsalen der Zeit erhalten: weil unser Leben einen Sinn hat. sie wird uns auch weiter schützen. Ein bekannter moderner Philosoph nennt die Juden „die unverbesserlichen Optimisten in der Geschichte",' Ja. wer ein Ideal zu verteidigen hat, ist Optimist, und wer kämpft, glaubt an den Sieg. Tafelgerät und Schmuck Vornehme Geschenke T. Wetzlar, München Maximilianstraßc 2 SCHUHHAÜS M. FLEISCHMANN ' MÖNCHEN, THEATINERSTRASSE 17 Sp.iiulität: tAlLY-SCHUHE Dieser Oplimsimus war unsere Stärke, unsere Lebenssehnsucht wurde zur Lebenskraft. Hat die Geschichte nicht unsere optimistische Auffassung sanktioniert? Viele große Völker sind im Laufe der letzten zwei Jahrtausende untergegangen, das kleine Volk Israel ist geblieben, um, wie Goethe sagt, die Größe-Gottes zu verkünden. Und solange die Judenheit den Sinn ihres Lebens versteht, solange wird sie leben und der Menschheit nützen. Das ist die ewige schlichte Wahrheit, die uns die Geschichte lehrt, das jüdische Leben schreitet vorwärts, auch wenn der Weg uns noch unsichtbar ist. Wir kennen die Formen unseres Zukunfts-. seins nicht, aber die große Linie ist uns voVgezeichnet, sie führt aufwärts. Nur müssen wir die Zeichen der Zeit verstehen. Wir müssen die Opferfreudigkeit, den Gemeinsinn, die Liebe in einer Zeit schwerer Krise besonders stark zeigen. In schwerer Zeit erwachsen schwere Pflichten für jeden und es muß sich zeigen, ob wir unserer großen Aufgabe gerecht werden. Unsere Not ist groß, wir müssen sie alle gleich tragen. Das ist die Lehre der Zeit. Ein schwerer Winter steht uns bevor. Zeigen wir, daß wir Brüder in der Not sind, daß wir in der Hilfe bis an die äußerste Grenze des Möglichen gehen. Ausgleich aller Differenzen, aller Unterschiede des Standes, der Bildung und des Besitzes, das tut uns not. Unsere Väter wohnten nach biblischer Vorschrift arm und reich die sieben Tage des Festes in der schlichten Hütte unter dem Schutze Gottes. Das war ihnen ein Symbol der Gleichheit, der Einigkeit. Und sie nannten die Sukka ..Friedenshütte" — Sukkat schalom, weil der Friede im Mittelpunkt der jüdischen Weltanschauung steht. Wir bedürfen heute dieses inneren Friedens mehr als je, wir bedürfen der Bruderhilfe. Alle Einseitigkeit, aller Parteigeist muß aus unserer Mitte weichen, die gemeinsame Not soll uns al's einheitliches Volk, als e t h i s c h - r e 1 i g i ö s e Gemeinschaft finden. Nur so können wir das Schicksal meistern und vieles, vielleicht das Beste retten. Unsere Feste sind die Rast-Stationen, von denen man das Leben ruhiger und sicherer überschauen kann. Die Feste können auch Kraftspender sein, aus denen die Kraft für den Alltag mit seiner Schwere fließen soll. „Du sollst dich an deinen Festen treuen!" ruft uns die Bibel zu. Freue dich im Frühjahr, wenn die Natur erwacht — Pessach —, freue dich mit den Erstlingen der Naturerzeugnisse — Schabuot — und freue dich mit dem Ertrag des gesegneten Jahres — Sukkot. Aber es soll eine seelische Freude sein, der Mensch, soll zur Besinnung, zur sittlichen Einkehr gelangen. In deiner Freude sollst du des Leidenden gedenken, der schönste Dank für das, was dir beschert wurde, soll sich in deinem Opfersinn zeigen. Der soziale Ausgleich ist ja das höchste Ideal des Judentums. Man kann nicht fromm sein, wenn man nicht gerecht ist, — das Göttliche führt über das Menschliche. Daher war auch an den Festtagen die Freude an der sozialen Hilfe besonders stark ausgeprägt. Geschichtliches Denken und soziales Empfinden, Versenkung in die Vergangenheit und Streben nach Fortschritt und Gerechtigkeit, — sie sind die Grundlagen der jüdischen Natur und der jüdischen Entwicklung. Und sie werden stets die charakteristischen Merkmale des 'Wahren Juden bilden. Wir sind anders und im Anderssein ruht unsere Kraft. Aber anders sein heißt nicht niedriger sein. Das wird und muß die Menschheit begreifen. Wir sind, wie uns Gott geschaffen hat, wir können und wollen unsere Natur nicht verleugnen. In aller Bescheidenheit sfjid wir stolz auf unsere Kultur, die der Menschheit viel gegeben idiat. Frei von Überhebung nehmen wir dankbaren Herzens das Gute und Schöne, wo wir es finden, aber wir machen es zy unserem Gute durch Verschmelzung mit unserem alten Ideal. Das ist der Weg. den eine gesunde Kultur geht.-Wir bleiben auch in schwerer Zeit echte Juden, treue Söhne unseres Volkes und nützliche Glieder der Kulturmenschheit. Daran sollen wir in den Stunden des Festes, wo wir uns dem Innern widmen, denken. . Unsere Feste gaben uns Seelenfrieden, sie waren uns mächtige Stützen in schwerer Zeit, schützten uns vor Verbitterung und Verzweiflung, vor Verkümmerung und/Verknöcherung. Sie sollen auch unseren Kindern erhalten bleiben, daß sie das Judentum nicht als Last, sondern als Seelenerhebung, als Gemütsbefreiung empfinden. , .1 \ Aus der Gemeinde München Justin Lichtenauer In dem am 17. September nach schwerem Leiden entschlafenen Vorstandsmitglied Justin Lichtenauer beklagt die Kultusgemeinde München eines ihrer besten führenden Mitglieder, das der Gemeinde jederzeit in selbstlosester Weise mit Rat und Tat zur Seite stand. Anläßlich des 60. Geburtstages des Dahingeschiede-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.