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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1938-09-15 · 8 (15.9.1938) · p. Seite 15

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1938
Issue
8 (15.9.1938)
Date
1938-09-15
Page
Seite 15 (sequence 1)
Language
German
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Schriftleitung:'Max Adler, München Böpern '938_ Manchen, 15. Hugust 1938 Nr. 8 55. Generalversammlung des jüdischen Lehrervereins In Bayern Am Sonntag, den 28. August, fanden sich Bayerns jüdische Lehre in der Turnhalle der israel. Lehrerbildungsanstalt Würzburg zu ihrer 55. Generalversammlung ein. Eine stattliche Anzahl von Kollegen hatte dem Rufe der Vereinsleitung Folge geleistet. Mancher von ihnen mochte wohl gekommen sein, weil er im Banne der uns allen innewohnenden Vereinsdisziplin stand, sicH aber doch in einer geheimen Herzensregung gefragt haben: „Wozu in diesen Tagen der Auflösung alles dessen, was deutsches Judentum hervorgebracht, noch eine Versammlung? Der Verlauf der Tagung — das sei schon jetzt bemerkt — hat selbst die überzeugtesten dieser Skeptiker gar bald in einen von den Inhalten wirklich erfüllten und in höhere Seelenstimmung gehobenen Teilnehmer verwandelt. Nach kurzen Begrüßungsworten des Vorsitzenden wandte sich Herr Justizrat Dr. Haas als Sprecher des Verbandes bayer. israel. Gemeinden und in seiner Eigenschaft als erster Vorsitzender der Kultusgemeinde Würzburg an die Teflnehmer mit den besten Wünschen für den Verlauf der Beratungen. Durch seinen Hinweis auf den Humor als einen wichtigen und tragenden Faktor in unserer heutigen Erzieher- und Unterrichtstätigkeif SQwie durch Reminiszenzen an Lehrerpersönlichkeiten einer alten glücklicheren Zeit hat er das Ohr seiner Hörer gewonnen und freudigen Beifall geeintet. Der nun folgende durch den Vorsitzenden erstattete groß angelegte Jahresbericht, der, durch eine kurze Mittagspause unterbrochen, noch einen Teil des Nachmittags beanspruchte, "gedachte einleitend al) der lieben Amtsbrüder, die im vergangenen Jahre in eine bessere Welt eingegangen sind, insbesondere unseres Ehren- und Grundungsmitgliedes Adler (zuletzt in Berlin wohnend), sowie des hervorragenden Schulmannes und Ehrenvorsitzenden des Reichsverbandes jüdischer Lehrervereine. Rektor Feiner in Hamburg. In tiefster Erschütterung vernahmen wir die Klage um die bis zum heutigen Tage sich mehrenden Opfer kostbaren Blutes in Erez Israel: mit heißem Sehnen einten wir uns alle in dem Wunsche, es möchte doch endlich eine Zeit des Friedens und ungestörter Aufbauarbeit anbrechen. Damit waren wir schon mitten in den grauen Sorgen und Nöten unseres Alltages. Das Problem der Auswanderung in seinem besonderen Aspekt für uns Lehrer bildete den Gegenstand eingehender Erörterungen. Während auf der Tagung des vorigen'Jahres dieses Thema nur am Rande auftauchte — vielleicht aus einer gewissen Scheu heraus, wir könnten durch seine Behandlung in weiterem Kreise uns des für die Berufsarbeit so notwendigen seelischen Gleichgewichtes berauben — suchte Rosenfeld diesmal „den Stier bei den Hörhern zu packen". Vierzehn Kollegen unseres Vereins haben schon den Weg in, ferne Länder, angetreten. Wir Lehrer sind — das wissen wir alle — eine besonders schlechte „Exportware". Das Los vieler unter uns ist es. bei den durchzuführenden Liquidationsmaßnahmen in vorderster Linie mitzuarbeiten und auszuharren. Und trotzdem haben alle Versuche, die maßgebenden Organisationen für eine produktive Auswanderer-Fürsorge zu gewinnen, wie sie der Sonderart unserer Situation entspräche, bis jetzt zu greifbaren Resultaten nicht geführt. So werden wir wohl alle, ein jeder für sich selbst, den Weg aus der Enge zur Möglichkeit neuer Lebensgestaltimg aus eigener Kraft uns bahnen müssen. Wie tief uns alle diese Frage berührt, beweist die Tatsache der besonders lebhaften Aussprache, die sich um diesen Punkt entspann. Die hochbedeutsame Gründung des Reichsverbandes der deutschen Juden fand eine entsprechende, hinsichtlich ihrer Auswirkung für die Stellung der jüdischen Beajuten zum Teil kritische Würdigurfg;- ebenso wurden die staatlichen gesetzgeberischen Maßnahmen auf dem Gebiete des Schulwesens behandelt: die Verordnung über Schulaufsicht, Schulverwaltung und Schulleitung; die Entlassung jüdischer Volksschullehrer mit weniger als zehn Dienstjahren aus dem Staatsdienste: die -besonderen Vorschriften über die amtliche Fortbildung jüdischer Lehrer etc. Aus verschiedenen Beschlüssen im vereinsgeschäftlichen Bereiche sei noch hervorgehoben, daß unser langjähriger verdienter Kassier Hellmann nunmehr auch das Amt des 2. Vorsitzenden inne haben wird. Reicher Beifall wurde unserem Vorsitzenden zuteil für seine trefflichen Auslührungen. Sie sind ein Spiegelbild der überaus schweren und verantwortungsreichen Arbeit, die die Verwaltung, in erster Linie aber doch der führende Mann für die jüdische Schule und für jeden einzelnen von uns neben dem gerüttelten Maß des täglichen beruflichen Wirkens zu leisten haben. . Eine würdige Krönung der Tagesarbeit bildete das von Dr. Siegfried Braun, Köln, erstattete Referat: „Die jüdische Schule". Von hoher Warte aus in in vollendeter Form behandelte der Referent das Thema, über das bis in die jüngsten Tage so viel geschrieben und gesprochen wurde, in durchaus selbstschöpferischer Weise. Nach einer theoretischen Grundlegung, in der aus der heutigen einzigartigen seelischen Situation des jüdischen Kindes heraus, wie sie sich aus der Erlebnisverlagerung und dem Ressentiment ergibt, die erzieherischen Aufgaben abgeleitet wurden, führte uns ein zweiter Teil in die Praxis des Unterrichtes hinein. Jedem einzelnen von uns wurde es klar: hier steht der echte Schulmann vor uns. der aus der reichen Fülle seiner Erfahrungen schöpft und dem Reichtum seines Erzieher-Erlebens in freier Rede adäquaten Ausdruck zu verleihen vermag. Der Wille zu wissenschaftlicher Klarheit und Wahrheit, das heiße Bemühen, die überaus schwierige Aufgabe des jüdischen Lehrers von heute in ihrer vollen Realität eindringlich zu Bewußtsein zu bringen, sprach aus jedem Satz des Vortragenden zu uns. Seine Darlegungen riefen auch eine Reihe von Diskussionsrednern auf den Plan, denen die alte und immer wieder neue Frage: „Gibt es eine objektive Geschichtsschreibung?" besonders am Herzen lag. Das eindrucksvolle Schlußwort des Referenten schuf die geeignete Atmosphäre für die guten Wünsche, die der Vorsitzende den Teilnehmern an der Versammlung mit auf den Heimweg gab. Der Gesamteindruck, den jeder aus den wenigen Stunden des Zusammenseins mit nach Hause nehmen durfte, war wohl der: das Geistige, der ureigene Bezirk unseres beruflichen Schaffens, hat sich, den mannigfachen entgegengesetzten Strömungen des rauhen Alltagslebens Trotz bietend, in uns behauptet. Diese Überzeugung fand ihren Niederschlag in den Worten Rosenfelds: „Wir sind die Alten, wir wollen auch die Alten bleiben!" Das Leitmotiv des Tages war die Treue. Sie soll auch weiterhin uns Führer sein: Treue zu uns selbst, zu der uns anvertrauten Jugend und zur großen jüdischen Gemeinschaft. Dr. Ludwig Hammclburgcr, Wiirzburg Auswirkungen des Reichsbürgergesetzes auf das Schulwesen Im „V. B." Amtlicher feil. Bayerischer Regierungsanzeiger vom 2. September 1938 wird folgende Bekanntmachung des Staatsmlnisters f. Unt. u. Kult, vom 24. 8. 38 Nr. VIII 50655 über die Auswirkungen des Reichsbürgergesetzes auf das Schulwesen veröffentlicht: \ I. Schulbesuch a) P f I i c h t s c h u 1 e n 1. Die Zulassung der Juden zum Besuch der Pflichtschulcn regelt sich nach den allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen über die Schulpflicht. Schulpflichtige Juden sind daher in den öffentlichen Pflichtschulen zu unterrichten, soweit nicht für ihre Erziehung und Unterweisung in anderer Weise ausreichen gesorgt ist (S 5 des Reichsschulpflichtgesetzes). Das gleiche gilt für die jüdischen Mischlinge. 2. Wo private jüdische Schulen nicht vorhanden sind, empfiehlt es sich, nach Möglichkeit besondere Schulen oder Sammclklassen für jüdische Schüler einzurichten. Werden solche Schulen oder Sammelklassen eingerichtet, so sind sie al> Bestandteil der öffentlichen Schule zu unterhalten. Die jüdischen Schüler sind zu ihrem Besuch verpflichtet. Als Lehrer sind nur Juden zu verwenden, und zwar empfiehlt es sich, in erster .Linie Lehrer — ohne Berufung in das Beamtenverhältnis '— zu verwenden, die auf GnnnH 3 des fteamtengesetzes oder 8-4 der L Verordnung zum Reifhsbürgergesetz ausgeschieden sind. Die den RegierilTtTnrzttgegangenen ME. vom 1. April 1936 Nr. IV 12347 und vom 14. März 1938 Nr. IV 7714 bleiben im übrigen aufrechterhalten. Dar Schlußsatz def* MB. über den jüdischen Religionsunterricht vom 31., Juli 1936 (KMBI. S. 94) wird gestrichen.

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