Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 18 (15.9.1938)
- Date
- 1938-09-15
- Page
- Seite 267 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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__ s ■ JÜdiSCheS Ausgabe A eindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Knltnsgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg Aufgabe A : Allgemeine Ausgabe, Bezugspreis RM. -.60 im Vierteljahr, KM. t.40 für das Jahr Ausgabe B: Mit dem Beiblatt für Würzburg und Umgebung. Bezugspreis RM. 1.50 im Vierteljahr, RM. 6.— für das Jahr. Erscheint am 1. und 15. jeden Monats. Herausgeber: Verband Bayer. Israel. Gemeinden / Verlag B. Heller, München, Plinganserstr. 64, Tel. 75665, Postscheck München 5987 / Anzeigen nach Tarif. Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda betr. Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet. XIV. Jahrgang Hünchen, 15. September 1938 Nr. 18 Inhalt: Weltregierung - Weltgericht - Welterlösung — Aus Agnons Jamim Noraim — Kenntnis unserer alten großen Kultur tut not — Der Lehrstuhl für jüdische Wissenschaft an der Universität Tartu (Dorpat) — Der Erbe Davids — Die Gütige — Aus der Gemeinde München — Aus bayerischen Gemeinden — Aus der Gemeinde Bamberg — Aus dem Reiche — Jüd. Turn- und Sportverein MVncfnsn e. V. „Jtus" — Bücherschau — Geschäftliches — MitteilungetHIes Jüd. Lehrervereins für Bayern — Bekanntmachung — Personalia — Kalendarium und Gebetszeiten. Wellregierung - Weltgericht - Weiferlösung Zum Gottesdienst und zu den Gebeten der „Hohen Feiertage" Die Bezeichnung omu ov:1 — jamim noraim, „Erhabene Tage" — für Rosch-Haschono und Jom-Kippur findet sich zum erstenmal im „Sefer Maharil", das ist in dem Handbuch der religiösen Gebräuche (Minhagim) des Mainzer Toragelehrten und Rabbiners Jakob-ben-Moses-ha-Levi, gewöhnlich nach der Abkürzung „Maharil" p"ino, d. i. Morenu haraw rabbi Jakob Levi) genannt. „Maharil" lebte und wirkte in den großen rheinischen Gemeinden Mainz und Worms imspäten Mittelalter (Todesjahr 1427) und verfaßte jene Sammlung von Minhagim, die bis heute als die Fundgrube für die Tradition im synagogalen und Gemeindeleben gilt. „Jomim noroim" blieb der durchaus charakteristische Ausdruck, dessen sich das religiöse Judentum für das Neujahrsfest und den Versöhnungstag bediente. Uber Sitte, Verhalten, über dem vorschriftsmäßigen Gebet an diesen Tagen schwebt überall da, wo noch alt-jüdische Tradition gepflegt wird, der Hauch der Verzagtheit, des Schuldbewußtseins und der demütigen Abwendung vom Alltag, der Abwendung von der „falschen Dialektik£--des menschlichen Geistes und von seinen Scheinwahrhettertr'Die Litwgie der Jomim noroim drückt das Gefühl des Uberweltlichen, Unnahbaren, der dem Menschen sch'echthin unzugänglichen über den Wolken thronenden und drohenden Macht und der eigenen Unzulänglichkeit, in eigentümlicher Weise aus. Der Schofar und die Melodien (Niggunim) der_weitläufigen Gebetsstücke verstärken den Spannungszustand des Gemüts der Frommen an diesen Tagen. Eine rationale Erklärung kann selbstverständlich auch für den religiösen Brauch und das Gebet am Rosch-haschono und Jom-Kippur gegeben werden. An gelehrten und tiefsinnigen Deutungen unseres ..Machsor" aus allen Jahrhunderten fehlt es nicht. Wir geben im Folgenden dem vor 20 Jahren verstorbenen Philosophen Hermann Cohen (1842—1918) das Wort. Er hat in seinem Alterswerk „Religion der Vernunft aus den Queilen des Judentums" die Gebete der „Hohen Feiertage" auf besondere Art behandelt. Uber das Gebet im allgemeinen sagt er darin: „Der Mensch, der nicht beten kann, kann sich nicht seiner Endlichkeit mit allen ihren Schlacken und Ängsten entlasten... Wer des -wahren Gebetes mächtig wird, der verliert die Erdenangst und die Erdenschwere im Aufschwung zur Unendlichkeit. Sein ganzes Bewußtsein verwandelt sich in ein Sehnen und Gehobensein. Aller Inihalt seines Bewußtseins geht über in dieses Schweben, das zu einem festeren Halt wird, als sonst die Wirklichkeit und der Anteil an ihr bieten." Am Ende des Abschnittes über den „Versöhnungstag" heißt es bei Hermann Cohen: , „Das Leiden vollführt und vollbringt Israels Selbsterhaltung. Denn dieses Leiden ist kein asketisches der Mystik, das sein Genügen in sich selbst hat., sondern es wurde erkannt und ertragen als eine Prüfung, in der die Bekenner des Monotheismus sich läutern und sich stählen sollten für. den großen Beruf, der ihnen in ihrem einzigen Gotte beschieden ward. Das Leiden bildet keinen Widerspruch gegen ihren Fortbestand, sondern vielmehr dessen wirksamsten Grund. Ohne Leiden keine Erlösung. Ohne Selbstheiligung, und zwar auch im Leiden, keinen Aufstieg zur wahren Freiheit des Menschentums. Vom Leide aber gibt .es, Befreiung, wenn im einzigen Gott der Zielpunkt gesetzt wird für die Selbstheiligung. Der Versöhnungstag ist das Symbol für die Erlösung der Menschheit." In der „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" findet sich auch eine Erklärung der Mussaf-Tefilin von Rosch-haschono, und zwar des Mittelstückes von Mussaf, der sogenannten Malchujoth, Sichronoth und Schofaroth. d. h. der Bibelverse vom Königtum Gottes, vom göttlichen Gericht und von der Bedeutung der Schofar, Diese Deutung sei hierher gesetzt: „Die Bibelverse, welche in den Malchujot vereinigt werden, verkünden die W e 11 r e g i e r u n g, die der Sichronot das Weltgericht, und die der Schofarot die Welterlösung." Die Weltregierung kommt zur Vollendung in dem inessianisehen Gottesreich. Daher lautet am Neujahr und am Versöhnungstage, die beide zu einer Einheit als „die Tage der Ehrfurcht" vereinigt werden, die dritte der Eingangsbenediktionen der Tefilla also: „Gib die Furcht vor dir über alle, deine Werke und die Scheu vor dir über alles, was du geschaffen hast, auf daß dich fürchten alle Werke und sich niederwerfen vor dir alle Erschaffenen, und auf daß sie sich vereinigen allesamt zu einem Bunde." Dieser eine Bund aller Menschp ist der höchste Erfolg der göttlichen Weltregierung. In diesem einen Bunde der Menschheit vollführt sich das Reich Gottes auf Erden. Der Bund Gottes mit Noah vollendet sich in diesem Bunde Gottes mit der Menschheit. Der Bund der Menschheit, als der Vereinigung aller Menschen, ist der Bund des Menschen mit Gott. Dieser Bund ist das Zeichen, ist die Gewähr der Weltregierung Gottes. Die Weltregierung Unterscheidet den Montheisinus vom Pai: theismus. Was ist der Unterschied der Regierung von der Entwicklung? Der Entwicklung muß das Ziel gesetzt werden; siiSkann es sich nicht selbst setzen. Nur die Regierung kann es ihr setzen.. Die Regierung ist die Vorsehung, vereinigt mit der Allmacht. Diese aber ist kein neues Attribut. Sie ist vielmehr iden-