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Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-09-01 · 17 (1.9.1938) · p. Seite 252

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
17 (1.9.1938)
Date
1938-09-01
Page
Seite 252 (sequence 2)
Language
German
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252 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 17 Fürchte dich nicht, Israel J e tat a i 1, 8 f /. Du, Israel, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, Sproß Abrahams, meines Freundes, l Du, den ich uon der Welt Enden geholt, Aus ihren Winkeln berufen habe; Ich sprach zu dir: Me)n Knecht bist du. Ich habe dich einst gewählt Und habe dich nie oerschmäht. Fürchte dich nicht. Denn ich bin bei dir, Starre nicht ängstlich. Ich bin dein Gott, Ich stärke dich, Ich helfe dir Ich halte dich mit der Hechten meiner Wahrhaftigkeit. literatur aller Zeiten, wenn der Ausdruck „Weltliteratur" für diese hebräischen Stücke mit ihrem Wohlklang und ihrem weitgespannten ßeziehungsreichtum überhaupt am Platze ist. Die zum 5. Buch Moses gehörenden bekanntesten Prophetenabschnitte sind die ..Tröstungen Israels" aus Jesaja. beginnend mit dem 40. Kapitel ..Tröstet, tröstet mein Volk". Es kann hier nicht ♦ Wir westlichen Juden der letzten Generation kommen alle vo/n Vernunftjudentum her: „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" nannte der jüdische Philosoph des 19. Jahrhunderts, Hermann Cohen, sein letztes Buch, sein „jüdisches Testament", wie er wohl einmal sagte. —üa hörten wir mit Staunen und Erschütterung die Botschaft des östlichen Judentums, die Botschaft des Chassidismus, wie sie uns Martin Buber damals in westlicher Umformung und eigner freier Gestaltung nahe brachte. Beinahe übersahen wir bei dieser Entdeckung, die manchen unter uns, der am Rationalismus des Judentums irre geworden war und sich nun mit ganzem Herzen dieser neuen gefühlswarmen Botschaft aufgetan hatte, daß der wahre, nicht der dichterisch verklärte Chassidismus bis vor kurzem noch nicht eben weit von uns vorhanden gewesen war; der Rebbe und die Rebbezin, die Chassidim, die ihr Haus verließen und zum Zaddik wallfahrteten. damit er mneu-die-Rätset der kumitiendernWeTT löse; während die Frauen daheim blieben und für des Lebens Notdurft sorgten ... alles das mit seinem Glanz und all seinen Verzerrungen lebte ja noch bis vor kurzer Zeit ganz in unserer Nähe und war bei allem ursprünglichen Feuer und bei aller mitziehenden Begeisterung allmählich zu einer düstern Gewalt geworden, die das Leben des Ostjuden beherrschte und mit Macht von aller Umwelt abschloß. ES war eine junge Revolution erforderlich, eine Revolution des Geistes gegen die Fessel des Aberglaubens und gegen den Gewissenszwang, der an die Stelle der anfänglichen gradlinigen Erhebung zum Schöpfer getreten war. Es war eine Jugend von begeisterten jungen Juden nötig, sie wollten nicht etwa jenen später so viel beklagten Prozeß der Assimilation beschleunigen, sondern sie strebten danach, alte Bande zu sprengen, um den wahren Wert des Urjudentums wieder zu entdecken; sie strebten danach aus dem jüdischen Mittelalter zur jüdischen Urzeit wieder zurückzuführen. Die Sprache der Bibel wollten sie in ihrer Reinheit wieder herstellen gegenüber den Schnörkeleien eines barocken Zeitgeistes; und das Leben der Bibel, das Leben der Ackerbauer und Landleute wollten sie an die Stelle des erzwungenen Galuth- Lebens der Händler und Schacherer wieder in seine alten Rechte einsetzen. Alle diese Ziele aber suchten die Aufklärer aus Galizien nicht durchweg durch ernsthafte volkswirtschaftliche Abhandlunnoch einmal der Reichtum an religiösen und dichterischen Werten dieser Kapitel ausgebreitet oder nur angedeutet werden. Die Tiefe der daraus dringenden echten Leidenschaft erschließt sich nur — wie bei den größten Dichtungen aller Zeiten — bei gründlicher Erklärung des hebräischen Textes und nach einer intimen Bekanntschaft mit.seinen Schwierigkeiten. Auch hier ist die Ubersetzung nur eine, allerdings unentbehrliche, Krücke. Denn über den seelischen und künstlerischen Gehalt hinaus bieten diese Kapitel ideengeschichtliche Einsichten — etwa in die messianischen Vorstellungen des Judentums und in die davon abhängigen nicht jüdischen Erlösungsideen — wie kaum ein anderes biblisches Buch. Allerdings sind beispielsweise in der hier in Frage stehenden Haftaroth-Reihe die Stücke vom leidenden Gottesknecht nur in Bruchteilen außerhalb ihres weiteren Zusammenhanges enthalten, etwa in der Haftarah von ipP (Ekev): „Geöffnet hat ER, mein Herr mir das Ohr. Ich aber, ich habe nicht widerstrebt, ich bin nicht zurückgewichen, den Schlagenden gab ich hin meinen Nacken, den Raufenden meine Wangen beide, r mein Antlitz habe ich nicht verborgen vor Schimpf und Bespeiung. Mir hilft ER, mein Herr: Darum kann es mich nicht treffen.___-— Drum mache ich mein Antlitz wie den Kiesel, Weiß, nimmer werde ich zuschanden." Wir wissen, welche weltgeschichtliche Auslegung diese Stelle erfahren hat. Damit wollen wir uns hier aber ebensowenig beschäftigen wie mit der „Lösung des deuterojesaijanischen Gottesknechträtsels". ein Unternehmen, im Verfolg dessen Bibliotheken« geschrieben wurden. Es ist lediglich der unmittelbar ergreifende Klang der hebräischen Sätze, vorgetragen im alten Rhythmus der Haftoro-Vorlesung, woran wir erinnern und wohin wir zurfleklenken wollten. ■ * .\ In Palästina gen zu erreichen. Sondern sie bedienten sich der scharfgeschliffenen Waffe des Spottes und der Satire. Die höchst geistreichen und ironischen Schriften dieser jungen Spötter, die doch sehr ernsthafte Ziele anstrebten und dazu noch in flüssigem, klarem Hebräisch geschrieben sind, verdienen es, der Vergessenheit wieder entrissen zu werden. So etwa die heute schwer zugängliche Satire Joseph P e r 1 s, des „Fürsten der Haskala", die er „Enthülltes Geheimnis" nannte. Noch näher freilich berühren uns heute die wenigen Werke des hochbegabten Isaak Erter. Schon das Leben dieses Mannes ist typisch für die Entwicklung der Jugend in jener Zeit. Erter, den man den „modernen hebräischen Humoristen" genannt hat, wurde in einem Dorfe in Galizien als Sohn des jüdischen Schankpächters geboren und erhält die übliche talmudischrabbinische Erziehung der Zeit. Mit 16 Jahren wird er zum ersten Male verheiratet; als die Frau nach Jahresfrist stirbt, ist gleich eine neue Chuppah bereit. Aber jetzt tritt ein neues Element, in sein Leben: ,denn diese Frau geht mit ihm und mit seinen neuen Bestrebungen. Nur sie ermöglicht es ihm, seinen gefahrvollen Weg zu gehen. Erst lebt er in Lemberg und Brödy, hochgeschätzt und schlecht bezahlt als Lehrer aller jüdischen Wissenszweige; in jener Zeit wird der Lehrer zugleich zum Schüler und lernt Sprachen und Mathematik, so viel er nur fassen kann. Dann aber erfährt der Raw von Lemberg, daß der junge Erter ketzerische Lehre verbreite — ja. daß er sogar wage, mit seinen Schülern die Bibel zu lesen; der Bannstrahl trifft ihn — die Schüler entschwinden. Da macht sich der Ehemann und Vater auf und beginnt in Budapest noch einmal Medizin zu studieren. Als er nach rascher Vollendung des Studiums zurück kommtrtst in-G*lizle« 4i*-Cholera ausgebrochen: nicht nur sein'Volk, sondern auch der Staat kann seine Kenntnisse gut brauchen, er wird beauftragt, aufklärende Schriften zu verfassen und widmet den Rest seines kurzen Lebens der Heilkunde, die ihn seiner Natur nach wieder zum Arz^ der Armen, nicht zum ,\Salon-Arzt" der Reichen macht. Erters Hautpwerke sind in einem schmalen Bändchen, schlecht, gedruckt zu lesen: aber es ist uns Westlern heute kaum glaublich, .mit welcher Begeisterung diese glänzend in biblischem Hebräisch geschriebenen Satiren damals empfangen wurden. Vielleicht die Heiliger und SpöHer Ein Vorläufer des Jlschuw und der jüdischen Bauernsiedlung

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