Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 15 (1.8.1938)
- Date
- 1938-08-01
- Page
- Seite 223 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Gemeiiideblatt V r den Verband der Kultusgemeinden in Bayern AOHf abe A: Allgemeine Autgabe, Bezugspreis RH. -.60 im Vierteljahr, RM. 2. \o für das Jahr Ausgabe B: Mit dem Beiblatt für Wünburg und Umgebung. Bezugspreis RM. 1.50 im Vierteljahr, RM. 6.— für da« Jahr. Encheint am 1. und 15. jeden Monat«._ Herausgeber; Verband Bayer. Israel. Gemeinden / Verlag B. Heller, München, Plinganserstr 64, Tel. 73665, Postscheck München 5987 / Anzeigen nach Tarif. Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volklauf- _WUmng und Propaganda betr. Über-— wachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet. XIV. Jahrgang München, 1. August 1938 Nr. 15 Inhalt: Der Fall Jerusalems — Der hebräische Brief der Münchescher israelitischer Gemeinden — Aus bayerischen Gemeinden — ner Juden vom Jahre 1381 an die Straßburger Juden — Wichtiger Aus dem Reiche — Bekanntmachung der Israelit. Kultusgemeinde Termin im Monat August 1938 — Brasiliens erste jüdische Siedler München betr. öffentliche Aufforderung — Warnung! — Jtus, Jüdi- Aus der Gemeinde München: Lehrhaus der Kultusgemeinde — scher Turn- und Sportverein e.V. — Personaiiä^-1 Kalendarium Zionistischer Ortsverband München — Aus dein Verband bayen- und Gebetszeiten. Der Fall Jerusalems Um seine Operationen ernstlich zu beginnen, ließ Titus zunächst den Boden vor der Stadt vollständig ebnen und seine ungeheuren Belagerungswerkzeuge und Türme an die Mauern rücken, um sie zu zerstören. Mit heldenmütiger Tapferkeit suchten die Juden die Vernichtung der Mauern zu verhindern. Sie machten siegreiche Ausfälle und legten Feuer an die SturtnBöcke der Römer, so daß! diese teilweise zugrunde gingen. Ja, als der Feind wirklich bereits durch eine Bresche in den nördlichsten Teil der Stadt eingedrungen war, warfen sich die Juden ihm mit einer solchen Heftigkeit entgegen, daß er weichen mußte. Erst nach hartnäckigem Kampfe, in welchem jeder Fußbreit Erde mit Strömen Blutes bezahlt werden mußte, gelang es Titus die zweite Mauer zu erobern. Dazu bekam e'r.,einen entsetzlichen Bundesgenossen in der Stadt selbst. Wie fein Würgengel schritt der Hunger durvch die Straßen und schonte nicht Alter und Geschlecht. Viele suchten heimlich zu entweichen, andere gaben auf Zetteln, die sie um die Pfeile gewickelt abschössen, den Römern Nachricht von ihrer Verzweiflung, wurden aber, wenn jnan sie entdeckte, von den Zeloten unbarmherzig hingeschlachtet, oder, wenn sie entkamen, von den Römern festgehalten. Die Feinde schlugen die Unglücklichen vor den Augen der Belagerten ans Kreuz oder schickten sie mit abgehauenen Händen in ,-die Stadt zurück, um die müßigen Esser zu vermehren. In all diesem Elend blieben die Kämpfenden von unerschütterlichem Mute beseelt. Johannes von Giskala trug durch unterirdische Gänge Feuer an die feindlichen Belagertingswerkzeuge nhd Simon ben* Giara schlug die löschenden Römer, von der Mauer einen Ausfall machend, zurück lind verbreitete den Brand über das Lager des Feindes. Da entschloß sich Titus, seine zerstörten Türme nicht mehr aufzubauen und den Angriff nicht zu erneuern, dafür aber die. Stadt durch eine hohe Mauer, welche die Ausfälle der Juden verhindern sollte, «anz von der Außenwelt abzuschneiden. Der Hunger, so hoffte er, würde den Feind schneller bewältigen als da*s Schwert. Und er hielt in der Tat eine schreckliche Ernte. Aber selbst diese Schreckenszeit beraubte die Kampffähigen •Jes Mutes nicht und nicht des Vertrauens, das Heiligtum dennoch zu erhalten. Als die Römer im Monat Tammus die Burg Antonia eingenommen hatten und nun alle Angriffe auf den Tempel rieh-, teten, da mußte zwar vom 17. Tammus an der Opferdienst eingestellt und Feuer an dte Säulengange auf der West- und Nortiscuc des Tempels gHpgt WflrrlPii ab»r Hi" Tnmpnl.............■ Ilm miuli"! mit'der Tollkühnheit und dem Todestnute der Verzweiflung verteidigt. Am 9. Aw. an einem Sabbat, machten die Juden noch einen kühnen Ausfall. Da schleuderte in der Abendstunde gegen Sonnenuntergang ein römischer Legionär einen Brand in die Kammer, welche die Holzvorräte zum Opferdienst barg, und bald war der ganze Tempelberg nur noch «eine einzige Riesenfackel. In den Jubel des Sieges mischte sich der Jammer einer untergehenden Nation. In einer Teiiipelvorhalle suchten und fanden sechstausend Menschen, die am Kampfe nicht teilgenommen hatten, den Feuertod, weil sie den Fall des Heiligtums nicht überleben mochten. - Die Oberstadt wurde von Johannes-von Giskala und Simon ben Giora noch vier Wochen laug verteidigt, bis auch sie alles Verloren sahen und sich in die unterirdischen Gänge flüchteten. Die menschenleere Stadt wurde völlig zerstört. Nur die drei Türme der herodianischen und ein Stück der westlichen Mauer blieben stehen. Als man den Befehlshaber fand, verurteilte man Jollannes zu lebenslänglichem Gefängnis und bestimmte, daß Simon ben Giora den Triumphzug des Titus zieren und dann hingerichtet werden sollte. Für den Triuinphzug sparte man die schönsten und edelsten Jünglinge auf. während die übrigen Gefangenen teils zur Zwangsarbeit in 'die Bergwerke geschickt.1 teils zu Kämpfen mit wilden^Tieren in der Arena aufbewahrt, teils als Sklaven verkauft wurden. Elfhunderttausend.Menschen waren während des Krieges umgekommen. Unter der ungeheuren Beute, welche Titus mit sich führte, waren auch die heiligen Geräte aus dem Tempel, das Gesetzbuch und die purpurnen Vorhänge des Heiligtums. Die Geräte mußten beim Triuinphzug des Titus von jüdischen Jünglingen getragen werden. Das Bildwerk." welches diese .letzte Schmach verewigt, ist heute noch am Titusbogen in Rom sichtbar. Später, wurden die Gefäße, die zur Verehrung des lebendigen Gottes verwendet worden waren, in dem Götzentempel aufgestellt, welchen Vespasian der Friedensgöttin zum Dank für den schwer errungenen Sieg erbauen ließ. Die Vorhänge und Gesetzrollen aber wurden im kaiserlichen Palaste verborgen. Auch eine Denkmünze gebot Vespasian auf Judas Fall zu prägen. Sie zeigt auf der einen Seit* eine gefesselte weibliche Gestalt, das „gefatfgenc Judäa" (Judaca capta). auf der andern Seite trägt sie Vespasians Bild und Namen. Diese Roms Sieg verherrlichende Denkzeichen, die bis auf unsere Tage erhalten sind, erwecken in unserer Seele nicht bloß das .Bild icner tnmrigstp.ii lagf», f""tl"Jn f".......HKB ffonTäcTEjeiia jener Zeit, da sich unser Volk an Heldenmut mit der mächtigsten Nation der Erde messen konnte.