Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1938
- Issue
- 5 (15.5.1938)
- Date
- 1938-05-15
- Page
- Seite 9 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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1 * Mitteilungen des Hööifrtjen febreroereina für ßapern 1938 Schriftleitung: Max Adler, München Manchen, 15. Mai 1938 Nr. 5 Gibt es eine Urgemeinschaft der Sprache? Die Bibel berichtet im 11: Abschnitt der Genesis, daß im Urbeginn der Schöpfung unter der Menschheit eine Sprache waltete mit einheitlichen Urwoften. Diese Ursprache vermochte eine Zeitlang den Zerfall in Rassen und Völker zu überdauern. Doch auch dies.es letzte Band der Menschheit zerriß. Die biblische Uberlieferung knüpft dieses treignis an den Namen Babel. Wir hören von einer Völkerwanderung von West nach Ost ins Land Schinear (Sumer). Dort stockt die gewaltige Bewegung und dort reift unter den Menschen der Plan, eine Stadt zu bauen samt einem Turm, dessen Spitze zum Himmel rage, um einen Namen zu gewinnen und über den Erdball nicht zerstreut zu werden. Döch Gott wehrt dem Himmelssturme, indem er die Ursprache verwirrt, daß keinem verständlich wird mehr das Wort seines Nächsten. Die Bibel geht also von einein Urpaar aus, von einer einigen Menschheit, die mit dem göttlichen Lebensodem zugleich die Gewalt der Rede, die Urspiache empfing, um sie von Geschlecht zu Geschlecht zu vererben. Auch nach Lösung der Blutgemeinschaft bildet die Sprache noch eine Zeitlang ein Geistesband zwischen den Trümmern des einst einigen Menschengeschlechtes. Der Turmbau von Babel raubt der Menschheit auch dieses Erbteil einstiger Verbundenheit. Haben wir hier einen Mythos oder geschichtliche Wahrheit vor uns? Diese Frage wollen wir in Folgendem in einer Reihe von Untersuchungen näher prüfen. Da ergibt sich zunächst die Merkwürdigkeit, daß die Turmbauüberlieferung erhalten ist auch in China, in Indien und in Persien, a) Alte Überlieferung in China berichtet vom Urkaiser Schin-hoang, der noch alle Sprachen der Welt auf eine einzige zurückzuführen vermochte, und in einem alten chinesischen Mythos lieh der Mayastämme Mittelamerikas, sich die Überlieferung von der Ursprache und» dem Zerfall erhalten hat In einer Indianer- Chronik heißt es, alle die von Osten kamen - nämlich von der versunkenen Insel — (Atlantis?) hatten nur eine Sprache. Erst auf derWanderung nach Westen änderte sich die Sprache der Stämme. Auch in der Sagenwelt anderer Völker Amerikas lebt die Erinnerung fort an eine Ursprache der Menschjieu und, wie schon Livingstone festgestellt hat. lebt diese Erinnerung sogar bei gewissen Eingeborenenstämmen. Afrikas. Auch der Sagenschatz Australiens birgt noch Anklang an.diese vorgeschichtliche Überlieferung. Uber die Schlußfolgerungen, die sich aus solcher Gemeinsamkeit alter Überlieferung ^ergeben, kann man geteilter Meinung sein. Eines aber steht fest:Wenn in dieser Uberlieferung ein historischer Kern enthalten ist, dann muß auch heute noch in sämtlichen Sprachen der Welt eine gewisse Urverwandtschaft sich nachweisen lassen., Den Nachweis einer solchen Urverwandtschaft zunächst zwischen semitischen und indogermanischen Sprachen hat bereits J. Fürst in seinen Werken 1835—18£1 zu führen versucht. Unter seinen Nachfolgern sind zu nennen Franz Delitsch. der.Oheim des bekannten Assyriologen Friedrich Delitsch, H. Steinthal und der Germanist Rudolf v. Rauner. Aus den Wortgleichungen der genannten Forscher führen wir einige Beispiele aus einem 1935 erschienenen Buche Dr. H. Wadler, „Der Turm von Babel", Verlag Gerling-Basel und Lörrach, an. Tabelle wird davon gesprochen, das Weltall sei von seinem Wege abgewichen, seitdem die Ursprache sich in Zweige und Blätter geschieden hat. — Der indische Mythos spricht ebenfalls von dem Zeitalter der Einheit, die die Menschen in einer Sprache, der G'ttesspracha verband; ein Feigenbaum erhob zum Himmel seine herrliche Krone, Übermut verführte die Menschen den stolzen Baum zur Himmelsleiter zu machen. Die Götter straften ihren Hochmut, indem sie die urewige Einheit des Glaubens und der Sprache zertrümmerten und die Zweige weit über die Erde verstreuten. — Auch die Mythen des alten Perservolkes melden uns, daß im Anbginn der Schöpfung unter den Menschen eine einzige Sprache waltete. Ahriniann, der Geist der Finsternis, hat sie zerspalten, die Menschheit in 30 verschiedene Sprachen aufgelöst. b) Die assyrisch-babylonischen Texte erzählen nur vom physischen Turmbau zu Babel, enflialten aber keine Angaben über das Schicksal der Ursprache; hingegen haben römische Quellen in auffallender Treue und Schärfe altes Wissen von dieser Evohition behütet und überliefert. Nach' Flavius Josephus ist auch in den sibyllinischen Büchern verkündet, einst hätten auf Erden alle Menschen eine Zunge geredet. — Im Ostseegebiet hat sich die Sage beim Stamme der Esthen erhalten, daß in der Urzeit die Menschen beisammen gewohnt und der. gleichen Sprache sich bedient hätten. Infolge starker Vermehrung wurde ihr Wohnsitz bald zu eng. Der „Alte" wünschte, daß siejsich über die ganze Erde verbreiten. Um die Völker noch mehr voneinander zu entfremden, beschloß er jedem Volk eine andere Sprache zu verleihen. Auch Irlandsagen wissen von einer Ursprache der Menschheit zu berichten. c) Altamerika: Die merkwürdigste Erscheinung in dem gemeinsamen Grundzug der Überlieferung ist die Tatsache, daß auch jenseits des atlantischen Ozeans in den Mythen der Indianer, namentindo-europäisch 1. Griechisch: OIN-os (Wein) JAJIN 2,_„_SAKK-ns (Sack) SACK semitisch (hebräisch) 3. 4. PALAKis (Kebsweib) AGR-os (Acker) P1LEGES IKER — Ackerer segnen 5. Lateinisch: PREC-or (beten, BARAK bitten) 6. ,. PECOR-a (Vieh) Bokor (Rindvieh) Delitsch hat an 100 Wortgleichungen zwischen indogermanischen und semitischen Sprachen aufgestellt: /u Beginn des 20. Jahrhunderts hat der dänische Sprachforscher H. Möller in seinen vergleichenden Sprachstudien über 200 Wortgleichungen der semitischen undj indogermanischen Sprachstämme zusammengestellt. Ohne auf das Grundsätzliche ihrer Darlegungen einzugehen, wollen wir Im Folgenden zunächst einmaj eine Reihe von Wortgleichungen für die Urverwandtschaft der semitischen und indogermanischen Sprachen aus einem Material beibringen, das der Be- ' richterstatter selbst vor 10 Jahren ohne jegliche Kenntnis vonf den auf dem Gebiete der vergleichenden Sprachwissenschaften vorhandenen Arbeiten selbst gefunden hat. Wir glauben nämlich, die Leser auf diese Weise eher für das vorliegende Problem zu interessieren, wenn wir an fiappanten Beispielen diese Eigentümlichkeit der Sprachverwandtschaft erweisen. I Hebräisch Indogermanisch schokal (wägen schaukeln) "goraf (greifen) eerof (Faust)_,_ schaukeln, althochd. schockeln engl, shok (Nervenschock) greifen, graben ( gravieren. Griffel schdtal (Setzling) schoaf (schöpfen) reiäch (riechen) omar (sprechen, denken) Stiel, stellen, schöpfen. SchöHc riechen Mär. Märchen, lat. Memoiren, memorieren