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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1938-03-15 · 3 (15.3.1938) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1938
Issue
3 (15.3.1938)
Date
1938-03-15
Page
Seite 5 (sequence 2)
Language
German
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(Mitteilungen Des UüOifrfjen Seljrernereina für ßapern 1938 Schriftleitung: Max Adler, München München, 15. März 1938 Nr. 3 Kunstbetrachtnng 'Von Siegfried Ziegler. __(Schluß!_ München V sehen der Materie des Erdbodens und dem Streifen „Luft". Der in dem eminent gemalten Grün dieser holländischen Weide leicht angedeutete Weg führt jn den Himmel Die I ttf«. rfh» an Ai^nn Wenn ich als Übergang zur zeitgenössischen Kunst diese Landschaft von Hans Thoma bringe, so durchziehen mich erhebende Erinnerungen, die ich mir aus der eindrucksvollen Begegnung mit •diesem grölten deutschen Malerpoeten bewaihrt habe. Nach meinen Aufzeichnungen hat mir Thoma — er war damals schon ein hoher Achtziger — gesagt: Der Künstler wird oft ärgerlich, wenn der Beschauer etwas anderes hinter seinem Bilde sucht, als Augenweide — das ist nämhoh jedes gute Bild. Wie das gelesene Gedicht einen'melodischen Klang hat, der uns bestrickt, ohne daß der Gegenstand der Dichtung viel sagt, — so haben auch gute Bilder als Dichtungen für das Auge den Reiz einer Harmonie, die wie ein Weltgesetz unseren Sinn bestrickt. So malt Thoma Englein und Engelsköpfe in die Wolken seiner Landschaften, seiner Malerdichtungen, wie sie ein Raffael in die Wolken um seine Madonnen gemalt hat. — Eine andere Welt, doch nicht minder groß und bedeutend, ist die Schaffensrichtung unserer größten zeitgenössischen jüdischen Maler: Israels und L i e b e r m a n n Aus den Bildern-von Israels tönt es — wie ein Biograph sagt: wie leises-Klagen. Er schildert Menschen, die am Leben leiden. Mühselige und Beladene. Aber sie begehren nicht auf und sie jammern nicht, still trauen sie ihr Schicksal und sinnen ihm nach. Sie sitzen in engen, dunklen Stuben oder kehren heim durch den sinkenden Abend. Sie nehmen Abschied oder harren in Angst eines Lieben, der fern ist. Ich erinnere an die Bilder: Ein Sohn des alten Volkes Wahrscheinlich ein Altwarenhändler vor dem Eingang seines Ladens, der ihm seine Parnoso schlecht und recht bringt, in Wirklichkeit aber ist er zu etwas Höherem geboren; sein Blick, die philosophische Handstellung verrät uns den Sohn des alten Horizont den fcrdboden berührt, fibriert fast, so echt ist sie gemalt! Wie das Gemälde Israels kerne Durchführung braucht, so benötigt die Zeichnung Liebermanns keine akademische Korrektheit. Wenn ich eine Sprache ganz beherrsche, in ihr rede, denke, träume, dann habe ich die grammatikalischen Regeln vergessen, die ja eigentlich Abstraktionen sind: denn so lange ich noch mit ihnen Konstruiere, beherrsche ich die Sprache nicht. — ■ Wenn ich mir nun in einem Atemzug mit diesen großen Meistern erlaube, zum Abschluß auch einige Arbeiten meiner Hand zu, zeigen, so bitte ich. mir das nicht als eine Arroganz auszulegen. Ich folge dabei einem Bedürfnis, in bescheidener Form zu beweisen, daß ich meiner Kunst treu gedient habe und nur den Ehrgeiz hatte, auch als Jude mich des Ehrennamens „Künstler" nach bestem Wissen und Gewissen würdig zu erweisen. Die Landschaft „D o rl e u d e". der noch die Auszeichnung zuteil wurde, in der ersten Staatsausstellung 1933 in der alten Pinakothek einen Ehrenpläfz zu erhalten, ist eigentlich ganz auf die I:arbe eingestellt. Ein kleiner Sonnenstrahl, der durch die Wolken bricht, kann selbst das simpelste Motiv zu einem Kunstwerk gestalten helfen. Der Baum im Vordergrunde, dessen Geäste sich in den Himmel hineinzeiebnet. ist fast wie etni Selbstporträt. Ein Teil von ihm ist verdorrt, dem Leben abgewanidt Volkes. Der Thora-Schreiber Auch hier ist das Atmosphärische des Raumes wundervoll wiedergegeben. Man glaubt, das Knistern der Pergamentrolle zu hören, die von dem Sofer eben beschrieben wird. Israels hat es fast wie sein klassischer Landsmann Rembrandt vermocht, den Staub, der auf den Gegenständen liegt, zu malen. Daher sind seine Bilder so wirklich'keits wahr. Beim 3. Bild „Allein aui der Welt" gelbietet die ergreifende Stille, die aus ihm spricht, zu schweigen und der erschütternden Schilderung des Malers kein lautes Wort hinzuzufügen. L i e b e r in a u ii \y Es ist schwer, aus dem gewaltigen Scliaffenswerk Lieberinanns nur ein paar Bilder hervorzuheben. Wahllos bringe ich in Bezugnahme auf meine vorhergehende Einleitung: Den Reiter am Meer Mit Verve gemalt, wie es nur der Handschrift Lieberinanns gegeben war. Schade, daß wir nicht die Farbe sprechen lassen können! Erst hierbei würde uns so recht zum Bewußtsein kommen, daß man wohl in den Gesetzen des Altüberlieferten fußen kann", daß aber die Handschrift der Hast unserer Tage Rechnung tragen muß, die uns zwingt, die Dinge in einem temperamentvolleren Vortrag wiedeijiugeJjejL In einer Zeit der Technik und des Flugzeugs kann man nicht mehr so malen, wie in der Biedermeierzeit, in der man mit der Postkutsche seine Reisen machte. Mit welcher Vehemenz Ist auf diesem iBilde die Bewegung der Tiere, Menschen und Meereswogen eingefangen und wie fein ist die Raumaufteilung der Bildfläche! Gerade die Komposition, des Gemäldes erweckt den Eindruck des Lebendigen. Und es ist ja jeder Pinselstrich voll Bewegung, bis zur Signatur in der rechten unteren Ecke des Bildes. ~- Die Frau mit den Ziegen Im Besitze der Bayerischen Staatssammlungen ein Jahrzehnt älter als das vorhergezeigte Bild. Großartig die gegensätzliche Bewegung von Frau und Ziege. Wieder dieser feinempfundenc Aufbau des Bildes. Der ebenso empfundene goldene Schnitt, zwii MMEMMj^ Ein Gebeugter Die Bleistiftzeichnung „E i n1 G e b c u g t e r" will versuchen, der Zerknirschtheit eines Menschen, wie es hier nur durch eine Handpartie geschieht. Ausdruck zu verleihen. Ich möchte tust sagen, daß die in einem für mich besonders schweren Jahre, dem Todesjalirjneiner Gattin, entstandene Arbeit unserer gegenwärtigen Lage "entsprechend Ist Und wenn ich in dem „Bildnis meiner Mutter" nur eine halbvolleudete Arbeit, ein Fragment zeige, so will ich damit meine erste Malerei vorstellen, die ich als Achtzehnjähriger, noch als Gymnasiast gemalt habe. Meine Mutter ist damals erkrankt und ich mußte meine Arbeit unterbrechen. Später habe ich weder den Mut, noch das Können gehabt, dieses Bild fertigzumalen. weil ich mit Recht fürchtete, man würde den Ansatz der Weiterarbeit merken. Es war gut so. Die Gesichtspartie ist mit so viel Liebe der Wirklichkeit abgelauscht, daß sie durch nichts in der Umgebung beeinträchtigt oder gestört genügt, um mir

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