Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 4 (15.2.1938)
- Date
- 1938-02-15
- Page
- Seite 49 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdischem a. GemeindeMatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern and die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg Ausgabe A: Allgemeine Ausgabe, Bezugspreis RM. -.60 im Vierteljahr, UM. 2.40 für das Jahr Annjtabe Bl Mit dem Beiblatt für Wartburg und Umgebung. Bezugspreis RM. i.}o im Vierteljahr, RM, 6.— für das Jahr. Erscheint am >. und 15. jeden Monats. Herausgeber: Verband Bayer. Israel. Gemeinden / Verlag B. Heller, München, Plinganserstr. 64, Te). 73665, Postscheck München 3987 / Anzeigen nach Tarif. Angemeldet beim Sonderbeauftragten des R eichjmmisterj für Volk sauf» klärung und Propaganda betr. Überwachung der geistig Und kulturell tatigen J nden im deutschen Reichsgebiet. XIV. Jahrgang München, 15. Februar 1938 Nr. 4 Inhalt: Jüd.'Gegenwartskunde als Wissens- und Lehrfach — Prakchung überMazzoth-Versorgung; Bekanntmachung betr.Vefinietung ' tische Fragen der jud.Situation in Deutschland zu Beginn des Jahres eines Doppelzimmers Im. fsr. Pensionat — Geschäftliches — JUd. 1938 — Aus der Gemeinde München — Aus bayer. Gemeinden — Kulturbund'in Bayern. Ortsgruppe München — Mitteilungen des Jiid. Bekanntmachungen der Isr. Kultusgemeinde München: Bckanntma- Lehrervereins für Bayern - Personalia — Kaiend. u. Gebetszeiten. Jüdische Gegenwartskunde als Wissens- und Lehrfach Von Dr. Ludwig F e u c h t w a n g e r, München Die Ausbildung in der hebräischen Sprache und Literatur, vor allem im biblischen und nachbiblischen Schrifttum, ferner in der jüdischen Geschichte, und zwar die Schul- und Erwachsenenbildung in diesen verhältnismäßig „konsolidierten" Fächern, kann einer Ergänzung durch eine nach Stoff und Behandlungsweise durchdachte und einheitliche Soziologie der Juden nicht entbehren. Dieses unentbehrliche-Stück jüdischen Selbstverständnisses stand jederzeit — „Soziologie der Juden" war der Sache nach Wissens- und Lehrstoff unter den Juden, lange bevor es das Wort „Soziologie" gab — vor der schweren Gefahre in eine gelegentliche und ungeordnete Behandlung praktischer Nützlichkeitsfragen, die in allen Formen an'die Judenheit ununterbrochen in wechselnder Gestalt herantraten, auseinander zu fließen. Vor etwa 3% Jahren ist von mir versucht worden, Plan und Aufgabenkreis einer. Soziologie der modernen Judenheit zu umreißen.2 Seitdem sind auch zahlreiche praktische p äi d a g o - g i s c h e Versuche unternommen worden, von jener .Willkür der trörterung jüdischer „Gegenwartsfragen" zu einem geschlossenen, methodisch strengen und einheitlichen Fach der „autonomen", das heißt aus ihrem eigenen Stoff und nach ihren besonderen 'Aufbaugesetzen gewonnenen „Gegenwartskunde" zu körnen. Wenn diese Disziplin künftig neben der philologisch-historischen Durchdringung unserer klassischen Urkunden, an der Spitze der Bibeln und neben der hebräischen Sprache und judischen Geschichte zu den Grundfächern jedes Bildungsganges, der das Judentum zum Gegenstand hat, gehören soll, so darf in den Bemühungen um Aufsuchung und Abgrenzung des Stoffes, vor allem aber um die gründliche methodische F;u n d a - m e n't i e r u n g nicht nachgelassen werden. | Mit zerstreuten "Stücken aus Statistik. Wirtschaft und Gesellschaft der Juden — im besten Fall geographisch gequlnet 1 Aus dem letzten Heft der Blätter der Zentralwohlfahrtsstelle und der Abt. Wirtschaftshilfe bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland (Februar-Heft 1938).; 2 Vgl. Sonderbeilage der C.-V.-Zeitung vom 6. Sept. 1934 „Die Wissenschaft des Judentums", Ismar Elbogen zum 60. Geburtstag gewidmet. und nach den Ländern Vollständigkeit anstrebend — ist es hier so wenig getan wie zum Vergleich in der „Kulturgeschichte" deT Juden mit Erzählungen von alten Branchen und Sitten, allenfalls mit Kostünikunde. der Schilderung des Schul- und Erziehungswesens oder der Ausbreitung anderer Ouellenfunde oder Lescfi achte. Eine straff gefaßte und geläuterte „Soziologie" der Juden überläßt sicherlich das Einmalige, die historischen Vorgänge in ihrer urkundlichen Erzählbarkeit, ebensp die zusammenhängende Darstellung und Deutung der Geschehnisse, der Geschichtswissenschaft; aber sie setzt ihre genaue .Kenntnis voraus, da sie aus dei Geschichte abstrahiert und weder etwas zu tun hat mit einer naturalistischen „Physique sociale", also einer reinen „Naturlehre" der jüdischen Gruppe, noch mit einer formalen ßeziehungslehre, die bloß die abwechslungsreichen Formen der „Vergesellschaftung" 'und ihr reizvolles Kräftespiel zeigen will. Also eine „verstehende" Soziologie" der luden, die ihren gesamten Stoff durchtränkt mit dem (vorausgesetzten) Wissen von der einmaligen Gestalt des Jadentunis und seines Gestaltwändels in den Zeiten. Ohne diese wertbeziehende Erkenntnis und olme die Vollgesogenheit mit jüdischem Wissen und Erleben der Lehrenden und Lernenden bleibt eine „Jüdische Gegenwartskunde" leer, im besten Fall eine nützliche Statistik der Juden, ein Kalendarium ihrer Einrichtungen im Zustand der Beharrung und eine historisch-politischstatistische Beschreibung ihrer Wanderungen, mit einer angehäugten „Bürger- und Stammeskunde" der Juden. Das „Maximal-Programm" einer jüdischen 'Gegenwartskunde, das ich in der erwähnten Arbeit aus dem Jahre 1934 aufgestellt habe, enthält wohl die zwölf unerläßlichen Gruudthemen in ihrer deutlichen Abgrenzung. Die Hauptsache bleibt dabei jedoch der einheitliche methodische und sinn geben de Geist, der über eine exakte Sammlung von Altertümern. Merkwürdigkeiten, Daten der Gegenwart weit hinaus .in das Gesamtgefüge des vielräumigen, an Schicksalen und Verniunmnmgen überreichen Judentums hineinsieht, eine Stoff- und Sachübersicht bietet und gleichzeitig in den Sinnzusaiiunenhaug mit tiefem historischem Verständnis eindringt. Samstag, den 19. Februar im Jtus-Saal 20.30 Uhr , Vortrag Dr. rlrthur Prinz-Berlin Auswanderung der Juden in Deutschland.