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Der jüdische Student · 1902-10-01 · Heft 7-8 (Oktober 1902) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 7-8 (Oktober 1902)
Date
1902-10-01
Page
[Seite] (sequence 28)
Language
German
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124 No. 7/8. Leber Oedankenlyrik zu .schreiben, ist nicht leicht, über Gefühlslyrik zu schreiben ist schwer. Fast so schwer wie über Musik. Denn wie zum wahren Verständnis eines Musikstückes die Fähigkeit gehört, die vertonten Phantasie- und Stimmungsgebilde seines Schöpfers wiederzufinden, und gewissermassen in das eigene Innenleben zurückzuübersetzen, ebenso, wenn auch nicht in gleichem Masse, muss der, welcher Gefühlslyrik gemessen will, die Kunst des Nachlebens verstehen. Das Nachempfinden wird umso schwerer, je subjektiver die Dichtung wird: Man muss bei der Gefühlslyrik nämlich zwischen objektiv-nachfühler.der, betrachtender einerseits und subjektiv-empfindender andererseits unterscheiden. Der objektiv-nachfühlende Lyriker geht nach aussen, sieht die Welt gern mit den Augen anderer, er ist ein wenig Psychologe. Hebbel ist nach dieser Seite hin stark veranlagt. Er will „die Mysterien" der menschlichen Seele ergründen, nicht blos die seiner eigenen. — Der subjektiv-empfindende Dichter ist ganz von sich selbst erfüllt, ganz in sich hineinblickend, ganz aus sich selbst heraus schaffend. Auf diesem Boden treibt die Stimmungspoesie ihre zartesten und reinsten Blüten. Ich habe nie einen so im tiefsten subjektiven, ganz allein nur sich selbst gebenden Dichter gefunden wie Theodor Zlocisti. Auf der einen Seite empfinde ich dies zwar als einen Mangel — die Fähigkeit, die Poesie von draussen in sich hineinzuziehen, Hebbels „Mysterium*" wo anders zu entdecken als in der eigenen Seele, scheint ihm in grösserem Masse abzugehen — nach der anderen Richtung hin scheint es wieder ein Vorzug zu sein, denn es ist ihm. dadurch gelungen, die eine Seite seines Wesens zu vollem und starkem Ausklang zu bringen. — ,.V om Heimweg: Verse eines Jude n." Theodor Zlocisti ist ein Dichter des Judenschmerzes, oder vielmehr, —man muss ihm den Ruhm lassen —, er ist der Dichter des Jiidenschrnerzes. In ihm erklang zum ersten Male diese Saite, und mögen ihm andere auch nachgefolgt sein, er blieb doch der einzige, der sie voll und tief in sich austönen Hess. „NächteundKa mp f." Hier drückt sich die Eigenart des Dichters an: schärfsten aus, fast die Hälfte aller Lieder sammeln sich unter dieser Losung. Der erste Versuch, den Heimweg zu beschreiten. Ein Tappen und Tasten im Dunkeln. Sehnen ohne Erfüllung, Wunsch ohne Gewährung, goldener Traum, kaltes Erwachen! Eine drohende Faust über dem Haupte eines Kindes! „Der stille Garte n." Die Hoffnung leuchtet als Leitstern über dem Heimweg. Das Dunkel geht in Dämmerung über. Sabbatfriede und Feierstundenstimmung. Zweitausend Jahre hat das Volk sich gesehnt, nun muss die Sonne kommen. Das Sehnen wird zur Hoffnung, der Wunsch zur Zuversicht. Ueberall aber noch das Leidensmotiv, das Martyrium von Kindesbeinen an. „Sieger.44 Der kämpfende Jude hat gesiegt. Jetzt schreitet er singend auf freier Bahn seinem Ziele entgegen. Noch bluten die Wunden, noch stiehlt sich manch leise Klage über die Lippen des heimkehrenden Ahasver. Aber alle Klagen übertönt aus heimatlicher Ferne das Zionslied, und die Feuersignale auf den Bergen leuchten hinweg alle Schatten des Schmerzes.

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