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Der jüdische Student · 1902-10-01 · Heft 7-8 (Oktober 1902) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 7-8 (Oktober 1902)
Date
1902-10-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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101 Wenn Lessing in seinem Laokoon den bekannten Satz festlegt, dass Rafael ein grosser Maler geworden wäre, auch wenn ein böses Geschick ihn ohne Hände hätte geboren werden lassen, so geht er in der Form fehl: ein Maler wäre er nicht geworden, der grosse Künstler wäre er geblieben. Jene geheimnisvolle Schöpferkraft, die ihn drängte, die Innigkeit seines gläubigen Gemütes und die ergebene Verehrung der Mutter Gottes in Gemälden für die Ewigkeit festzuhalten, sie hätte sich in andere Erscheinungsformen umgesetzt. Der uns jetzt nur ein paar liebliche Sonette zurückgelassen hat, wäre vielleicht der zarteste und liebenswürdigste Dichter religiöser Weihe geworden. Plastik und Malerei, Poesie und Musik sind eben nur verschiedene Ausdrucksformen in der Kunstsprache. Und? diese Ausdrucksformen lassen sich durch die mannigfaltigsten^ der Sektion noch unzugänglichen individuell- oder volkspsychologischen Ausschaltungen und Einschaltungen ineinander umsetzen. Es ist die gleiche Erscheinung, die im Spiel der Naturkräfte von neuem immer zu Tage tritt. Elektrizität, Licht und Wärme sind nur formell differenzierte Äusserungen der unsichtbaren Bewegungen kleinster Aetherteile. Elektrizität kann Licht, Licht kann Wärme werden. Bei der Leichtigkeit derartiger Umsetzungen wird eine zunächst auffallende Tatsache verständlich. Mit dem Moment wo der Wandel der Zeiten und die hastigen Einwirkungen des schnell wachsenden Milieus die Wucht der theokratischen Beeinflussung auf unsere Wesensgestaltung abschwächen, wo wir frei wurden von dem Zwang engender, äusserer Hemmungen^ da erstanden ungeahnt plötzlich jüdische Maler und Bildhauer. Scheinbar ungeahnt. Bei einem Volke der Kunst ist eine so jähe Umsetzung etwas ganz Natürliches. Unsere künstlerische Kraft, die sich einst in Psalm und Liebeslied, in schlichter Epik und geistreichem Aphorismus, in den Blumengärten der Hagadah, in der Schöpfung des herrlichen Lebensgedichtes, dem Ohassidismus, offenbart hat, konnte sich nach Ausschaltung verschiedener Widerstände sofort in allen Kunstformen äussern, und ausleben. Freilich, die ersten bildenden Künstler in der Neuzeit, die unserem Volke entstammen, waren im eigentlichen Sinne noch

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