Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 7-8 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 7/8. 99 Die luden und die Kunft Disposition zu einem Vortrag. Von Dr. med. Theodor- Zlocisti (-Berlin). Alles höhere Leben ist Kunst. Die Kunst macht uns erst zum Menschen, wie Schiller sagt. Aber das Bewusstsein unserer Höherstellung schafft uns erst der Kunsthunger. "Wer ohne Kunstbedürfnis lebt, vegetiert nur. In ihm spielen sich nur physiologische Vorgänge ab. Er ist nicht ein Lebender, sondern nur — ein Nichttoter. Der Weg aber, der uns über uns hinausführt, ist der Weg der Kunst. Es gibt kein Volk der Erde, das ganz ohne die Kunst wäre. Selbst der halb tierische Austraineger schnitzt und formt und gestaltet. Ja! Gerade die primitivsten Rassen zeigen uns am unverhülltesten und ursprünglich, was menschlichen Wesen die Kaust ist. Wie wir ja auch die Formen des Lebens am schärfsten und durchsichtig an den niedrig organisierten Lebewesen zu erkennen vermögen. Der Australneger wertet das Kunstwerk am höchsten. Die Schöpfung seiner Hände stellt er über sich — den Schöpfer. Die Kinder seiner Kunst sind ihm seine Götter, auf die er mit banger Scheu blickt. Sein Kunstwerk erscheint ihm begabt mit der Kraft des Schicksals, das Leben bringt und Tod, segnenden Sonnenschein und das gellende Verderben der Gewitter. Diese alle Wertgrenzen umstürmende Schätzung der Kunst, die Götter schafft, wird bei den zu höherer Stufe geistiger Entwicklung vorgedrungenen Volkschaften gemindert und eingeengt. Dort, wo sich der Mensch zu reinerer Erkenntnis des Gottgedankens durchgerungen hat, wo er in der Vielheit der Gestaltungen die lenkende Macht des All-Einen ahnt, schafft die Kunst die Ausdrucksformen der Ergebenheit in den Willen Gottes, die Ausdrucksformen für menschliches Sehnen, Streben und Hoffen. Das Kunstwerk ist nicht mehr Gottheit, sondern ein Mittler zu ihr, der zur Versöhnung und Gnade stimmen soll. (So trägt auch heute noch jede wahre Kunst den atavistischen Zug in sich, still demütig und flehend zu sein.) Bei diesem Wandel erscheint es wie eine selbstverständliche Folge, dass jedes Volk, welches das religiöse Gefühl zu subtilster-. Ausbildung verfeinert hat, welches jedes einzelne Stammes-