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Der jüdische Student · 1902-09-01 · Heft 6 (September 1902) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 6 (September 1902)
Date
1902-09-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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No. 6. 95 tatsächliche Feststellung lediglich in mysteriösen Andeutungen zur Urteilsbegründung herangezogen wird. Die Vermutung ist deshalb nicht von der Hand zu weisen, dass für den Senat in der Hauptsache andere Gründe als die in der Motivierung der Aufhebung angegebenen entscheidend gewesen sind. Das eigentliche Motiv ist übrigens ziemlich offenherzig zugestanden worden: Als kurz vor der Suspension zwei Badenen bei dem Universitätsrichter über antisemitische Beleidigungen seitens inkorporierter Studenten, von denen sie anderweitige Genugtuung nicht erhalten konnten, Beschwerde erhoben, erklärte dieser unter Hinweis auf eine Bestimmung, wonach eine Verbindung suspendiert werden kann, wenn durch ihr Bestehen die akademische Disziplin gefährdet wird: Seines Erachtens müsse die „Badenia" aufgehoben werden, weil ihre Existenz den anderen Korporationen Anlass gebe, sie zu insultieren, und dadurch der akademische Friede gestört werde; er wisse, dass der Senat tun werde, was er sage. Der einzige Ausweg sei die Ablegung der die Provokationen verursachenden Kouieur. — Man kann dem K.C. kühl bis ans Herz hinan gegenüberstehen und wird doch zugestehen müssen, dass hier ein schweres Unrecht geschehen ist. Die Sachlage ist die folgende: Die verschiedenen antisemitischen Verbindungen, ob sie sich nun antisemitisch nennen oder nicht, nehmen Anstoss an der Existenz der jüdischen Kouleurverbindung, und verursachen die Zänkereien, die dem friedliebenden Senat so störend sind. Der Senat, der diese Störungen des akademischen Friedens aufheben will, hebt die. angegriffene Verbindung auf. Ohne uns auf den Standpunkt der Badenen stellen zu wollen, können wir nicht verkennen, dass hier eine Justiz vorliegt die verzweifelte Aehnlichkeit mit der Heilkunde des Dr. Eisenbart hat. Es ist auch eine Unverschämtheit von den Juden, sich nicht von ihren arischen Kommilitonen willig schimpfen und anulken zu lassen. Jedenfalls sollte sich der akademische Senat der Ruperto-Carola gesagt sein lassen, dass sein salomonischer Spruch nicht geeignet ist, für den Frieden an der Universität zu wirken. Die Zulassung von Ausländern bei der Technischen Hochschule zu Berlin hat in einigen Punkten Abänderungen erfahren, die von Wichtigkeit sind. Da die Aufnahmen in der Zeit vom 1. bis 24. Oktober bevorstehen, so haben die neuen Bestimmungen jetzt ein besonderes Interesse. Von den Ausländern, die als Studierende einzutreten wünschen, wird ein Reifezeugnis von einer n e u n s t u f i g e n höheren Schule oder einer zweifellos gleichwertigen Lehranstalt (bisher hiess es einfach: „Reifezeugnis einer höheren Lehranstalt") verlangtwelches, abgesehen von der im Heirnatlande et\\{.a vorgeschriebenen Aufnahmeprüfung, auch dort zum Hochschulstudium berechtigt. Auch für die Russen ist eine etwas veränderte Bestimmung getroffen: Russische Staatsangehörige werden nur dann als Studierende aufgenommen, wenn sie ein Reifezeugnis von einem G y rn n a - si um besitzen, und entweder an einer Technischen Hochschule Russlands bereits studiert haben oder zum Besuche einer solchen Anstalt dieses Landes zugelassen worden sind. Realschulabiturienten werden hiernach ebensowenig aufgenommen, wie Studierende und Absolventen russischer Universitäten. Als Hospitanten werden Ausländer überhaupt nicht mehr zugelassen. Wie wir früher erfuhren, sind auch für Deutsche die Bestimmungen wegen Zulassung als Hospitanten unlängst erheblich verschärft worden. Das ist aber nur von sehr geringer Bedeutung. Dagegen sind die zuerst angeführten Bestimmungen ein sehr schwerer Schlag für die jüdischen Studenten, besonders aus Russland. Berlin. Das offizielle Organ der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" die ^Israelitische Rundschau" bringt aus der Feder des Dr. M o s e s - Mannheim einen Artikel über eine Vereinigung deutscher zionistischer Akademiker. Der vorliegende Statutenentwurf erinnert sehr an die Vorschläge Eugen Täublers in der hiesigen Akademischen Gruppe der Berliner Zionistischen Vereinigung, dürfte aber weniger gut in die Praxis umzusetzen sein als diese.

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