Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1933-02-01 · Heft 1 (Februar 1933) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
30 (1933)
Issue
Heft 1 (Februar 1933)
Date
1933-02-01
Page
[Seite] (sequence 47)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3537599-3537840-3537841--8616-3546680
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Welche Aufgabe hätte nun eine jüdische Politik, wie sie auch von zionistischen Kreisen vertreten werden könnte? Zunächst ist eine Klarstellung erforderlich. Der deutsche Zionismus darf seinen palästinozentrischen Charakter nicht verlieren. Er darf auch in einer bedrängten Lage das Schwergewicht nicht etwa auf diesen Teil der Arbeit verlagern. Nach wie vor besteht die Notwendigkeit und das Primat der direkten Palästinaaktion. Auch fernerhin muß der deutsche Zionismus seine wertvollsten Kräfte aus der Verbundenheit mit dem Lande ziehen. Erforderlich ist aber in dieser Notzeit eine bewußte Anteilnahme an dieser politischen Arbeit in Deutschland und zwar in stärkerem Maße als es bisher der Fall war. Die Gestaltung neuer Arbeitsgebiete, die Stellungnahme zu Einzelfragen entsteht erfahrungsgemäß bei ernster geistiger Beschäftigung und Durchdringung des Arbeitsstoffes. Notwendig ist im Augenblick die Erkenntnis, daß die zionistische Organisation in Deutschland mit mehr geistiger Intensität und mit mehr Kräften als sie es bisher getan hat sich dieser politischen Arbeit annimmt. Es besteht gar kein Zweifel, daß, wenn die Bewegung bewußt diese im Augenblick notwendige Umstellung vornimmt, wir auch auf diesem Arbeitsgebiet Sichtbares leisten können. Wir haben uns entschlossen, in den verschiedenen Gremien des deutschen Judentums, sei es in den Gemeinden, sei es im Landesverband, mitzuarbeiten. Ein nicht ganz ungefährlicher Schritt für eine Bewegung wie die unsrige. Wenn wir aber an dieser Arbeit teilnehmen, sollten wir dort und gerade auf dem Gebiete der jüdischen Politik als eine verantwortungsbewußte aber auch als solche klar erkennbare Opposition auftreten. Es gab und gibt den Fall des Professor Cohn in Breslau, der uninteressant ist, was die Persönlichkeit des Betroffenen anlangt, der von höchster Bedeutsamkeit ist, weil hier ohne jede Verbrämung ein Jude in seiner Eigenschaft als Jude diffamiert wird. Wenn schon das deutsche Judentum sich nicht zu einer gemeinsamen Abwehraktion z. B. durch den Preußischen Landesverband aufraffen kann, warum gibt nicht wenigstens eine zionistische Opposition die Anregung, hiergegen in würdiger Weise zu protestieren? Oder fürchtet man, daß eine Mehrheit einen derartigen Antrag ablehnen würde? Man komme auch nicht mit dem Einwand, daß eine solche Haltung die Verhältnisse nicht umzuändern vermag. Sogar wenn dies richtig wäre, verlangt unsere politische Haltung, selbst in einer unüberwindbaren Situation eine Stellung einzunehmen, die klar erkennen läßt, daß wir das Ghetto auch geistig liberwunden haben. Wenn wir uns dazu entschließen, bewußter als wir es bisher getan haben, diese Tätigkeit unserem Arbeitsgebiet einzureihen, so wird sich eine Fülle von Möglichkeiten ergeben. Diese werden nicht ausreichen, um eine Entwicklung, deren Herren wir nicht sind, aufzuhalten. Sie werden aber genügend sein, um den deutschen Juden, was heute dringend geboten erscheint, eine Haltung zu vermitteln, die auch den Gegnern Achtung abnötigt. Sie werden sicherlich ausreichen, um den deutschen Juden zu zeigen, daß die zionistische Bewegung sie auch in einer Zeit der Not zu führen und würdig zu vertreten vermag. Beides aber sind Ergebnisse, die allein schon genügen würden, um die Notwendigkeit einer solchen Arbeit überzeugend nachzuweisen. 45

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.