Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 10 (November 1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans G. Moses^Königsberg: Subjektiver Bericht Ich bin mir der Schwierigkeit, vielleicht sogar der Unmöglichkeit bewußt, die Atmosphäre des Camps, ihre lebendige Inhaltskraft in die starre Unzulänglichkeit der Worte einzufangen. Doch ist dieses Experiment nicht minder reizvoll, zumal der zutiefst im Unterbewußtsein wurzelnde, urpersönliche Eindruck für mich zwar ungemein wesentlich, für den Leser hingegen unnützer ist als das um Schattierungen mattere, ihm aber zweifellos verständlichere Erleben, wie es die Schilderung ihrer mangelhaften Technik wegen lediglich zu entwerfen vermag. Wenn die Erinnerung sich in jene Tage durch das Dickicht der Alltagswiderwärtigkeiten zurücktastet, trifft sie auf eine hiervon unbelästigte, dafür aber mit jüdischer Vitalität gestärkte Zeitspanne, die ich unter Betonung ihrer markantesten Werte zu analysieren versuchen will, — sicherlich nicht ohne ihrer inneren Unzertrennlichkeit zu schaden. Will man von den begleitenden (und fraglos zum Erfolg beitragenden) Umständen: — dem landschaftlichen Zauber, dessen Originalität hier darzustellen zu weitgehend und überdies unkünstlerischer Behandlung unwürdig wäre, der politischen Ruhe, dem idealen Wetter — absehen, so war der primäre Faktor, der das Camp stützte, das Mosaik der Menschen, das bald zu einer wesenhaften jüdischen Einheit verschmolz. Bei der im ersten Monat scheinbar kontrastreichen Zusammensetzung der Menschen war man zu Bedenken und Befürchtungen berechtigt: wir würden nur eine äußerliche Gemeinschaft erreichen, wie sie sich in jedem Falle erzwingen läßt, nicht aber eine menschlich-psychische Verbundenheit. Doch schon nach der ersten Berührung mit den Danzigern und Rigensern — denn sie waren die zu uns konträr scheinenden ostjüdischen Typen — wurden diese Zweifel durch ein starkes Gefühl der Genugtuung und erfreulichen Enttäuschung verdrängt, .... für immer erstickt. Es ist ein objektiv schwer zu entscheidendes, vielleicht sogar müßiges Problem, jetzt nach den psychologischen Motiven dieser ungezwungenen und gesunden Bundesbrüderlichkeit zu forschen; ob sie auf einer von vornherein schon bestehenden, vielleicht noch nicht ins Bewußtsein gedrungenen Wechselneigung der östlichen und westlichen Individuen zueinander beruht oder von einer mit persönlicher Wärme übervollen Gemeinschaft (den Bundesbrüdern au$ Danzig und Lettland) ausgestrahlt wird? Dieser Frage will ich die Antwort schuldig bleiben. Der machtvollste Konnex und Einheit schaffende Fak- '°r, der anfangs nur äußerlich gemeinschaftbildend und formgebend ansetzte, ^ld aber seine Wirkung zum gemeinsamen Gefühlsinhalt aller Bundesbrüder Vcrmnerlichte, war sinnfällig genug, um nicht bestritten zu werden: das jid- ('-$che und hebräische Lied, die Horrah — die unmittelbar jüdische Lebens- '^nosphäre, welche die Bundesbrüder aus dem Osten zu einer derartigen Inensität verdichteten, daß allmählich ein schmerzhaft-freudiges Bewußtsein auf- '• . ■■^mte, sich, wenn auch nur für geringe Dauer, aus der Agonie des jüdischen *e^ens in Deutschland endlich in ein würdigeres, erholsameres Milieu gerettet *u Haben. Es gab Momente, in denen sich die unmittelbare Nähe und Fülle des jü- ~'schen Elements zu monumentaler Wirkungskraft steigerten, deren naturwähre v Milderung wiederum an den zu Anfang des Berichtes erörterten Schwierig- 235