Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 6-7 (Juli 1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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jenigen, die sich wieder wie schon öfter der Zeit anvertrauen und glauben hier sei die Judenfrage zu lösen. Du wirst sagen, dies sei Dir alles bekannt, es liege aber jetzt insofern eine andere Situation vor, als man in Rußland mit gutem Erfolge die ökonomische Struktur der Juden umschichte. Damit würden die Juden in die Produktion hineingeführt und der Grund für den Antisemitismus verschwinde. Jawohl, er verschwindet, aber nur für den, der diese Frage nur unter dem Aspekt der Wirtschaft betrachtet. Auch hier muß ich, selbst auf die Gefahr hin vorgeworfen zu erhalten, ich erzählte Altes, Dich darauf hinweisen, daß wir doch gerade zur Genüge die wandelbare Erscheinung des ■ Antisemitismus kennen, der sich je nach Bedarf die passende Maske aufsetzt. Es heißt das Problem bagatellisieren, wenn man allein diese eine Wurzel ausreißen will» von der wir wissen, daß sie nicht einmal die Hauptwurzel darstellt. Sehen wir doch, daß in demselben Rußland instinkthaft in der Bevölkerung der Judenhaß vorhanden ist, groß genug, daß die Regierung mit drakonischen Maßregeln dagegen kämpfen muß. Sehen wir doch in Ländern, in denen, wirtschaftlich gesehen, jahrzehntelang kein Grund zum Antisemitismus vorhanden war, ihn heute ausbrechen. Und hätten selbst wir Zionisten, die wir doch bestimmt in diesem Punkte nicht zu optimistisch waren, eine derartige Welle fanatischen Hasses gegen uns in Deutschland je geahnt? Auch hier glaube ich, daß der, der die Geschichte unseres Volkes nicht nur kennt, sondern als Glied in der Generationenkette Träger des Erlebens dieser Geschichte ist, die Dinge mit gerechteren Augen ansieht als der, der, durch den Glanz einiger „Fakten" geblendet, in diesen schon das Letzte sehen zu müssen gk .bt. Damit komme ich zu der Frage der materiellen Judennot. Gewiß, es ist eine Tragik unserer Bewegung, daß sie müheselig Mosaikstein an Mosaikstein in Erez Israel zum' Aufbau setzen muß, daß die grandiose Idee Herzls, die Juden auf einmal nach Palästina zu verpflanzen, in der Realität sich auch annähernd nicht durchführen läßt. Gewiß, es ist eine Tragik, daß auch wir dieser furchtbaren Judennot ohnmächtig gegenüberstehen, dieser Not, noch hundertmal verschärft dadurch, daß heute, anders denn früher nirgends ein ökonomisch florierendes Judentum besteht, das den anderen Hilfsstellungen geben kann. Ist denn aber diese Erkenntnis wirklich etwas Neues, haben wir dies nicht schon immer gewußt? Wird dies uns heute nicht nur deshalb besonders klar, weil wir selbst unmittelbar davon betroffen werden? Und merkwürdig, in den Ländern der jüdischen Massensiedlung, die ganz besonders von der Not betroffen sind, dort spüren wir den Zionismus als die elementare,, nicht intellektuelle Bewegung, dort ist der Quell für die großen zionistischen Leistungen immer gewesen. Gerade weil die Juden erkannt haben, daß ihre t.erdhaft von dieser Welt" ist und „einer erdhaften Lösung bedarf", deshalb ist diese Heimatsbewegung unseres Volkes aus einem echten legitimen Bedürfnis der Massen erwachsen. Damit schließen wir uns in keiner Weise v°n jenem Ringen der Welt um die soziale Erneuerung ab. Wir wissen aber, daß wir mitgestaltend nur dort am Werke sein können, wo wir ungestört unser e,genes Leben leben werden. Und wie auch der Prozeß der ökonomischen ^•Schichtung, wenn er in der Galuth je glücken sollte, nicht von heute au! Jorgen durchgeführt werden könnte, so nehmen auch wir für uns in Anspruch, a8 das heutige Palästina nur der Anfang eines Prozesses, aber nicht das 175