Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Aufgaben des KarfelHags Dieser Kartelltag steht vor einer Aufgabe, die wohl schwerer ist, als je ein Kartelltag sie zu lösen hatte. Auf allen Gebieten besteht Unsicherheit, bestehen Schwierigkeiten und besteht für jeden ein Bedürfnis, sich zu orientieren und für sich selbst einen Standpunkt zu gewinnen. Die wirtschaftliche Krise zwingt einen großen Teil 'von uns, sich im Erwerbsleben umzustellen oder ein begonnenes Studium als aussichtslos abzubrechen. Eine neue und starke Welle von Antisemitismus sowohl im Erwerbsleben wie an den Universitäten erfordert Abwehr. Wir lesen in den Zeitungen nicht nur von den Krawallen in Osteuropa an den Hoch- und Mittelschulen, vom Numerus clausus, von jüdischen Todesopfern, von Schikanen in Rumänien, von Exzessen in Konstantinopel, von der Schaffung eines Universitätsgettos in Wien. Auch auf Deutschland haben diese Bewegungen übergegriffen. Die deutsche Studentenschaft ist in überwiegender Mehrheit nationalsozialistisch. Das Leben "der Juden in kleinen Städten wird von Tag zu Tag schwieriger, so daß geradezu eine Flucht aus diesen Städten, in der Wirkung wie eine Ausweisung, eingesetzt hat. Eine für unsere Begriffe fast unverständliche Rechtsprechung fördert diese Entwicklung. Die höchsten Gerichte fällen Urteile in Sachen, die Juden betreffen, die eine völlige Abkehr von den bisherigen Rechtsauffassungen darstellen. Man denke etwa an die Zulassung der Berufung für die Angeklagten in dem Kurfürstendammprozeß und viele andere. Mehr als dies bisher erkannt, greifen diese Verhältnisse schon in das Leben eines jeden Einzelnen von uns ein. Um so mehr ist es Aufgabe des Kartells, den Einzelnen geistig und, soweit möglich auch wirtschaftlich, zu stärken. Eine Neuorientierung in politischer und kultureller Beziehung ist ebenso wie eine Neuorientierung in wirtschaftlicher Beziehung geboten. Die Erziehung des Kartells, die schon seit geraumer Zeit auf Kollektivismus gerichtet war, wird sich jetzt zu bewähren haben. Der Kartelltag muß, wie ein Staat im Staate, die Gesetze finden, die für das künftige Gemeinschaftsleben erforderlich sind. Wie im Zusammenschluß der einzige Schutz gegen drohende Gefahren für Leib und Leben, so muß eine starke geistige Verbundenheit den Rückhalt geben, geänderten und neuen Verhältnissen Rechnung zu tragen. Das Kartell muß aktive Politik treiben, muß zum Kampf gerüstet sein, wenn es nicht unvorbereitet, von den Ereignissen überrascht, auseinanderfallen soll. In einem weiteren Sinne muß sich unser Zionismus bewähren. Deshalb scheint es mir geboten, ein festes Programm für den Kartelltag in allen Kartelloi ganisationen vorzubereiten und möglichst rechtzeitig formulierte Anträge mit sorgfältiger Begründung dem Präsidium zu übersenden. Das Präsidium seinerseits wird in objektiven Referaten über das zur Verfügung gestellte Material dem Kartelltag berichten und so manche unnützen Diskussionsreden ersparen. 2