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Der jüdische Student · 1931-08-01 · Heft 8-9 (August 1931) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
28 (1931)
Issue
Heft 8-9 (August 1931)
Date
1931-08-01
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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Aber ist denn . die Proletarisierung unvermeidlich? Gibt es für die deutschen Juden keinen an leren Weg zu einer leidlich gesunden ökonomischen Struktur? Marcus hat, o o es selbst zu merken, eine Gedankenverschiebsing vorgenommen, die ihn zu einem Fehlschluß führt: er spricht in der zitierten Darlegung ausdrücklich von ,,Tätigkeit mit einiger ökonomischer Sicherheit". Vorher war in seinen Ausführungen niemals von Sicherheit, sondern stets nur von ökonomischen Möglichkeiten die Rede. Mag sein, daß die ökonomische Sicherheit des gelernten Fabrikarbeiters die relativ größte ist, welche in einer sich kollektivierenden kapitalistischen Wirtschaft — deren Fortbestand nimmt Marcus als selbstverständlich an — erreicht werden kaan. Nach allem, was Marcus aber vorher sehr mit Recht über die Eigenart jüdischen Wirtschaftsdenkens ausgeführt hat, ist das Streben nach ökonomischer Sicherheit keineswegs ein beherrschender Zug des jüdischen Menschen. Im Gegenteil: der Jude wagt. Er will im Wirtschaftlichen nicht Sicherheit, sondern Erfolgsmöglichkeiten. Daher die großen psychologischen Schwierigkeiten der Berufsumschichtung zu Handwerk und Landwirtschaft. Der junge deutschjüdische Zionist geht trotz leidenschaftlicher Begeisterung den Weg von der geistigen zur körperlichen Arbeit nur unter schwersten seelischen Kämpfen. Sollte der nichtzionistische junge Jude ihn leichter und erfolgreicher geisen, wenn er die Umschichtung nicht um einer Idee, sondern um seiner materiellen Sicherheit willen durchführt? Wenig wahrscheinlich. Weit eher ist zu erwarten, daß er nach anderen Wegen sucht. Freilich, eine Einordnung in die Kollektivierungstendenzen der deutschen Wirtschaft ist unvermeidlich. Mit ökonomischem, politischem und religiösem Liberalismus sind — in des Wortes wörtlichster Bedeutung — keine Geschäfte mehr zu machen. Aber es scheint, als sei der Beginn dieser Einordnung schon in Ansätzen sichtbar: auch das mittlere und kleine jüdische Unternehmertum organisiert sich, schließt sich zusammen. Ein jüdisches Genossenschaftswesen entwickelt sich. Zunächst Kredit- und Absatzgenossenschaften. Produktivgenossenschaften können folgen, und so die deutschen Juden auch in die früheren Stadien des volkswirtschaftlichen Produktions- und Verteilungsprozesses hineinstellen. Vorläufig sind alles nur Ansätze, keine großen Gebilde, die man als endgültige Antwort der deutschen Judenheit auf ihre wirtschaftliche Notlage ansehen kann. Immerhin bedeutungsvolle Ansätze. Beginn einer Anpassung an die starken kollektivistischen Tendenzen der jüngsten Wirtschaftsentwicklung, Versuch einer organischen Eingliederung in die sich organisierende und entiadividualisierende .deutsche Volkswirtschaft. Die Chancen für volkswirtschaftliche Zusatzleistungen, für ökonomisches Pioniertum mögen mit zunehmender Kollektivierung seltener werden. Daß sie völlig schwinden, ist wenig wahrscheinlich. Mögen bestimmte Wirtschaftszweige, die heute mit Juden übersetzt sind, auf die Dauer sich vermindernde Existenzmöglichkeiten bieten, mag die Notwendigkeit einer Umschichtung immer stärker werden — nichts weist mit unausweichlichem Zwange darauf hin, daß die Mehrheit der deutschen Juden den Weg in das gewerbliche oder auch in das kaufmännische Proletariat neiimen müsse. Wobei in diesem Zusammenhang die Frage unerörtert bleiben mag, ob sich nicht breiteste Schichten des „Proletariats" heute in einem Unxwand- 266

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