Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Wirtschaftsnot. Zugleich eine Besprechung des Buches von Alfred Markus „Die wirtschaftliche Krise des Deutschen Juden". Von Hubert Pollack. „Judennot" — der Begriff ist uns vertraut. Wir kennen diese stärkste Ostens die wirtschaftliche Judennot als Ursache zuzuordnen pflegten, waren Ostens die wirtschaftliche Judennot als Ursache zuzuordnen pflegen, waren wir gewohnt, in der moralischen Judennot, in dem Bewußtsein der menschlich "unhaltbaren Position, den Ursprung unseres eigenen westliche Zionismus zu sehen. Wirtschaftliche Not jüdischer Massen kannten wir vor Jem Kriege aus dem Bereich unseres eigenen Daseins nicht. Das ist jetzt anders geworden. Wir sind mitten in einer Wirtschaftskrise der* deutschen Judeaheit, wie man sie in diesem Ausmaß und mit dieser katastrophalen Wucht vor 20 Jahren nicht für denkbar gehalten hätte. Oberflächliche Betrachtung dieser Zustände könnte zu der Annahme verleiten, die deutsche Judenheit leide jetzt eben mit der gesamten deutschen Wirtschaft unter den Folgen des verlorenen Krieges und der Weltwirtschaftskrise; was heute auf der jüdischen Wirtschaft in Deutschland lastet sei die unmittelbare Folge der allgemeinen deutschen Not. Aber das ist nicht das Entscheidende. Auch eine Hochkonjunktur wird nicht imstande sein, der jüdischen Wirtschaft in Deutschland annähernd denselben AcSrieb zu geben, den die nichtjüdischen Wirtschaftskreise von einer solchen Konjunkturbewegung erwarten dürfen. Die Wirtschaftsnot der Juden in Deutschlaisd ist keine vorwiegend konjunkturell, sondern eine strukturell bedingte Erscheinung. Sie ist verursacht durch die abnorme berufliche Schichtung der deutschen Juden, durch ihre Zusammenballung in den händlerischen, einigen handwerklichen und freien Berufen; anders ausgedrückt: durch die Beschränkung ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit auf die letzten Stadien des volkswirtschaftlichen Produktions¬ und Verteilungsprozesses. Daß eine derartige ökonomische Struktur auf die Dauer zum Zusammenbruch führen müsse, war schon lange vor dem Kriege ein Axiom der poale-zionistischen Ideologie, die freilich ganz mi die jüdische Bevölkerung Osteuropas abgestellt war. Nach dem Kriege hat man dann mehrfach den Versuch gemacht, die Richtigkeit dieser Theoise auch für die deutschen Juden nachzuweisen. Doch waren das alles wenif überzeugende, weil rein theoretisch-deduktiv arbeitende Spekulationen. Ein exakter, auf Beobachtung und einwandfreiem statistischem Material beruhender Beweis dafür, daß die wirtschaftliche Entwicklung der deutschen Jnien infolge der abnormen Berufsgliederung zur Katastrophe treibe, wurde nicht erbracht. Begreiflich genug. Setzt doch ein derartiger Nachweis nicht um genaue Kenntnis der deutschen Volkswirtschaft und der Stellung der Juden in ihr voraus, sondern erfordert er doch überdies eine umfangreiche wissenschaftliche Kleinarbeit, deren Bewältigung an die Arbeitskraft eines einzelnes Menschen beträchtliche Anforderungen stellt.