Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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nationalen, kulturellen und politischen Aufgabe herunter entwickelt- Sie war bereits politisch reaktionär, kulturell unbewegt und in dem üblen chauvinistischen und überheblichen Sinn national geworden, der im Nationalismus der Kriegszeit bei allen europäischen Völkern kulminierte und in der deutschen akademischen Jugend noch heute herrschend ist. Nur noch in Liedern und Gebräuchen waren Anklänge der alten freiheitlichen Studentenideale erhalten geblieben. Die Juden hatten ihren Eintritt in die deutsche Studentenschaft 40 Jahre vorher vollzogen, als diese Ideale noch lebendiger Inhalt des deutschen Studententums waren. Aus politischer Dankbarkeit, aber auch zum Teil aus dem dem jüdischen Empfinden adäquaten Inhalt dieser Ideen waren die Juden noch immer die Vertreter jenes überwundenen Studentenideals. Es war der „alte" Achtundvierziger der Inbegriff des jüdischen Jugendideals geworden. Die Absonderung, die den Juden von der nationalen Exklusivität der anderen aufgezwungen wurde, führte sie in den sogenannten deutsch-liberalen Verbindungen zusammen. Dort waren sie fast ausschließlich unter sich — bestrebt, Erneuerer jener guten alten liberalen Zeit zu werden, ohne Erfolg zwar, aber unter Wahrung der Form, durch die sie eine äußere Aehnlichkeit mit der nicht jüdischen Studentenschaft erreichten. Die guten Köpfe und die Charaktervollen unter ihnen empfanden die Ausgehöhltheit dieser Situation» verbittert und enttäuscht wandten sie sich von den Studentenbewegungen ab, oder suchten den deutsch-liberalen Gedanken in „Verbindungen jüdischen Glaubens" aufrecht zu erhalten. Es entstand der K.C., immerhin ein Fortschritt vom Schutzjudentum zum Trutzjudentum, aber ohne positiven Ideengehalt, nur auf Abwehr eingestellt. In dieser Situation bot sich den jüdischen Studenten die neue nationaljüdische Bewegung, gestützt auf das idealistische Rüstzeug des europäischen Liberalismus, und auf eine Ideologie, die der Ideologie der anderen Nationalismen ähnelte, fanden sie hier eine nationale Idee, die ihnen Rechtens gehörte* und diese Idee des stolzen, freien, nationalen Juden nahm von ihnen Besitz. Es war aus dem Geist der Zeit selbstverständlich, daß man die äußere Form der deutschen Studentenorganisationen beibehielt, und daß man versuchte, auf dem Felde der deutschen studentischen Betätigung die Anerkennung der judenfeindlichen Umgebung zu erzwingen. Daher die Nachahmung der hauptsächlichsten studentischen Sitten, die straffe studentische Disziplin, die Erziehung zur Mannhaftigkeit durch Wehrhaftigkeit. Das studentische Duellwesen bot Gelegenheit, zu zeigen, daß Juden an Mut, Geschicklichkeit und Kraft — Sport gab es damals noch nicht — den anderen zum mindesten gleichwertig sind. Der Beweis gelang und hatte nicht wenig Einfluß auf die Entwicklung des jüdischen Selbstbewußtseins, sogar in der dem Zionismus feindlichen älteren Generation. Die Juden waren meistens glänzende Fechter, mutige Draufgänger; setzten sie doch außer persönlichem Ehrgeiz ihren jungen Nationalstolz in diesen Kämpfen ein. Als später die Deutschnationale Studentenschaft beschloß, Juden keine Satisfaktion mit den Waffen mehr zu geben, war dieser Beschluß nicht nur von nationalistischer Ueberheblichkeit 250