Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Seelen der Zuhörer wurden durch fromme Musik in die nötige Ergriffenheit versetzt. Offenbar genügte aber die Erbauungsmusik als Vorbereitung auf die Rede des Herrn Dr. Rosenthal nicht. In richtiger Erkenntnis des Geisteszustandes dieses frommen Mannes spielte die Kapelle zunächst das Deutschlandlied, dann — mit leiser Ironie und lauten Tönen — den Fridericus-Marsch. Stehend, die Hände zum Faschistengruß erhoben, sang die plötzlich erwachende Menge mit. Es war schön und erbaulich. Wenn man erwähnt, daß Herr Dr. Rosenthal trotzdem seine vorgesehene Rede gehalten hat, so genügt das eigentlich, um seine merkwürdige Auffassung über Judentum und Würde zu kennzeichnen. Seine Rede aber — es mag unglaublich klingen — war dazu angetan, diese Charakterisierung noch zu vertiefen. Die verblüfften Zuhörer erfuhren nämlich, daß die jüdische und christliche Religion gar nicht so sehr voneinander verschieden seien; man bete ja zu demselben Gott. Daraus zog Herr Dr. Rosenthal den Schluß, daß er als Jude nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet sei, sich kräftig an dem Rettungswerk zu beteiligen. Und er ließ es sich nicht nehmen, dies öfter zu betonen. Aber niemand kann aus seiner Haut. Und so konnte es nicht fehlen, daß die Ausführungen des Herrn Dr. Rosenthal von denen seiner christlichen Vorredner abwichen. Herr Dr. Rosenthal befürchtet nicht, daß der Bolschewismus der Welt noch mehr materielles Elend bringen wird. Im Gegenteil: der Bolschewismus, das ist Babel, das sich einen Turm baut, der bis in den Himmel ragen soll, der die Menschen von allen materiellen Sorgen und Nöten befreien soll. Das sei gegen alle Gebote und Absichten Gottes. Und Gott habe es denn auch nicht unterlassen, die Sprachverwirrung über Babel zu verhängen. Die Sprachverwirrung aber — man höre — das ist die Tatsache, daß in Rußland die Abtreibung gestattet ist, daß dort Ehen auf Minuten geschlossen werden und daß die Mädchen sich als Freiwild für jeden Beliebigen bereithalten müssen, um in die proletarische Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Man sieht, Herr Dr. Rosenthal betätigt sich nicht nur als Seelsorger, sondern auch als Entdecker und Geschichtsphilosoph. Aus diesen „Tatsachen" zieht Herr Dr. Rosenthal den zwingenden Schluß, der Untergang Rußlands und des Sozialismus sei endgültig beschlossen und stehe nahe bevor. Es wäre interessant, einmal ein Referat von Herrn Dr. Rosenthal über das Thema: „Die Aufgaben der deutschen Juden im Nationalsozialismus" zu hören. Leon Chitzes (V.J.St. Maccabaea). * 5