Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1930-10-01 · Heft 9 (Oktober 1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 9 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
[Seite] (sequence 30)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3537599-3537812-3537818--7747-3545794
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Als unterscheidende Merkmale der zionistischen Korporation sehen wir an: das Emblem (Couleur usw.); das Fuxeninstitut; das Burschenexamen; den Komment. Sie sind durchaus ungleichwertig. Während die beiden mittleren vom Wesen und Begriff der zionistischen Verbindung unablösbar sind (das erstere nach der rein korporellen, das letztere nach der zionistischen Seite hin), tragen Emblen und Komment bloß akzessorischen Charakter. Wohl haben sie Bedeutung; doch können wir sie schon darum nicht als wesentlich betrachten, da ihre volle Entfaltung nicht von ihrem Träger allein abhängt, sondern auch von der nicht jüdischen Umgebung bestimmt wird, in der zu bestehen sie gezwungen sind. Auf der Hand liegt, das Couleur als „künstliches Gruppenzeichen'' anzusprechen1). Es markiert den Bundesbruder nach innen und außen als Mitglied der Verbindung und erzeugt dadurch eine gegenseitige Verantwortlichkeit und ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Das mit dem Emblem verknüpfte Zeremoniell erhält wiederum dauernd das Bewußtsein von der Wichtigkeit der Verbindungsidee aufrecht, während seine innere Symbolik eine Art Verbindungspatriotismus entwickelt, der die Gruppe besonders unter schwierigen Umständen widerstandsfähig macht. Diese psychische Beeinflussung ergibt eine so tiefe Verwurzelung von der Idee der Verbindung in der Seele des Einzelnen, daß er das innere Band, das ihn an die Gemeinschaft kettet, wohl niemehr zu lösen vermag. Des öfteren wird gegen diese Fesselung des Individuums, sowie gegen ihre Mittel polemisiert. Sieht man in der Einzelpersönlichkeit die eigentlich schöpferische Zelle der Kultur, so muß in der Tat ihre Hemmung als Kultursünde angesehen werden. Nun aber fixiert die Korporation in keiner Weise die geistigen Kräfte ihrer Mitglieder; wenn hier von irgendeiner Bindung die Rede sein kann, so ist es nur die durch das zionistische Bekenntnis, das aber nicht Folge der Unterwerfung unter die Verbindungsdisziplin ist, sondern Voraussetzung. Auch das gefühlsmäßige Verbundensein mit einer Gruppe kann nicht irgendwie im Ernst verdammt werden: das positive Gefühl für eine ideell getragene Gemeinschaft, deren Gedanke von den Bekennern als tiefmenschlich empfunden wird, eine Gemeinschaft, die ihr Wesen in der Zusammengehörigkeit mit der Nation erblickt, können wir nur als steigernd auffassen. Die Zugehörigkeit des Einzelnen zur Korporation beruht also nicht auf geistiger Fesselung, sondern im Gegenteil auf geistiger Betätigung, auf geistiger und vor allem auf seelischer, und gerade dieser Umstand bedingt die Stärke des Bandes, da sich hierbei eben tiefere psychische Schichten erregen. Sie wirkt sich aus in einer gewissen Disziplin des Handelns. Einer solchen nun hat sich im Grunde jedes Individuum zu unterwerfen, welcher Lebensgemeinschaft es auch angehört. Es besteht also kein Grund, die Verbindung besonders anzugreifen. Gewichtig wird die Argumentation gegen das Couleur erst, wenn sie bei der Notwendigkeit dieses Opfers einsetzt; ob nämlich die Suggestion durch die Farben nicht an sich schon ein *) F. Bernstein, „Antisemitismus als Gruppenerscheinung". 28

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.