Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 9 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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2. Auch der Jude, der sich zum jüdischen Volk bekennt, der die Geschichte seines Volkes mit dieser Generation nicht beendet sieht, sondern die Wiedererweckung seines Volkes, die Fortsetzung seiner Kultur im eigenen Lande erstrebt, hat Anspruch auf volle Staatsbürgerrechte. Ja, behaupten wir weiter, ein nationales Judentum wird seine Forderungen auf Gleichstellung mit mehr Nachdruck vertreten können, denn der alte Staatsbegriff ist allmählich in Mißkredit gekommen, Nation und Staat sind nicht mehr identische Begriffe. Diese Thesen sind in einer Reihe von ideologischen Beiträgen ausführlich begründet worden. Von Blumenfelds „Randspannungstheorie" über Bernfelds „Antisemitismus als Gruppenerscheinung" bis zu Zweigs „Kaliban" wird immer wieder der Nachweis geführt, daß der Antisemitismus nur ein Sonderfall von Gruppen- und Völkerhaß, angewandt auf die Juden, ist und daß er eine unvermeidbare Reaktion auf die jüdische Existenz darstellt. Bernstein beschäftigt sich mit dem Mechanismus der Entstehung des Haßgefühls: Jeder Schmerz und jedes Unlustgefühl hat die Tendenz, sich in ein Feindschaftsgefühl umzusetzen. Feindschaft ist auf Nebenmenschen projizierter Schmerz. Fortwährend werden Haßgefühle gegen Personen gerichtet und entladen, die an ihrem Entstehen unmöglich schuld sein können. Jede F e i n d s c h a f t s ä u ß e r u n g hat das Bedürfnis, sich in einer Schuld des Objekts gerechtfertigt zu sehen. Die Haßgefühle werden dahin gerichtet, wo die Illusion einer straflosen, also gefahrlosen Aeußerungsmöglichkeit zu liegen scheint. Diese Thesen, auf die Entstehung des Antisemitismus angewendet, zwingen zu der Konsequenz, daß es nicht die tatsächlichen Eigenschaften der Juden sind, noch die ihnen angedichteten, um derentwillen man sie haßt, sondern lediglich die Tatsache, daß die Andersartigkeit der Juden in den Bevölkerungsgruppen, unter denen sie leben, „Differenzaffekte" auslösen (Arnold Zweig). „Die Wahrnehmung der Gruppe Jude entbindet in der Gruppe Nichtjude den Differenzaffekt." Wie reagiert nun der Jude auf dieses Feindschaftsgefühl? „Der Jude antwortet mit der Demut des Schwachen, mit der Entschuldigung für sein belastetes Dasein. Anstatt zu sehen, daß der Differenzaffekt eine Wirklichkeit ist, streitet er den Völkern das Recht ab, ihn zu haben. Im Ghetto setzte er den Fremden seinen eigenen Zentralitäts- und Differenzaffekt entgegen {die Gojim). Durch den Bruch mit den Gesetzen, durch die Selbstverfluchung seines Judentums hat er sich um jede Rückverbindung gebracht." (Arnold Zweig.) Was folgt aus diesen Erkenntnissen für unser Verhalten, für die Führung? 1. Der Kampf erfordert Besonnenheit und Mut. Der Jude muß ein Gefühl dafür bekommen, daß unser Volk im Verlauf seiner Geschichte schon schlimmeres durchgemacht hat als die Wahl von 107 Nationalsozialisten in den Reichstag. Nur eine jüdische Gemeinschaft, in der das 11