Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 6 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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gesetzten Extrem verfallen: wir tun so, als ob die Zukunft des jüdischen Volkes in Erez Israel davon abhinge, ob Weizmann nicht mehr zu Lord Passfield gehen, od«r Lord Passfield nicht mehr Weizmann empfangen will. Nicht zuletzt diese, wie es scheint, konstitutionelle Unfähigkeit des deutschen Zionismus, Tatsachen und Kräfte nach ihrem wahren Werte einzuschätzen, ist es, die den deutschen Zionismus innerhalb der Weltbewegung isoliert hat. * Das Programm des Brüh Sdialom Vor kurzem hat Dr. Ernst Simon in Berlin „von den letzten ideologischen Positionen her" das Programm des Rrith Schalom entwickelt — wobei nicht untersucht werden soll, ob und wie weit sich das Simon'sche Brith Schalom-Programm mit dem Ruppins und Hans Kohns deckt. Der Brith Schalom ist in Palästina eine Sache „entwurzelter Intellektueller", wie Ernst Simon sie in einer ironischen Aufwallung selbst genannt hat, und solche Menschen neigen dazu, auf der Linie des größten (und selbst geschaffenen) Widerstandes mit betonter Einspännigkeit durch das Leben zu kutschieren. Wenn wir einmal unterstellen, daß Ernst Simon in seinem Berliner Vortrage die maßgebliche Meinung nicht seines sondern des Brith Schalom dargelegt hat, dann ergibt sich folgendes positive Programm: 1. Wir sollen die arabische Nationalbewegung und ihre Führer anerkennen. 2. Wir sollen uns ohne Vorbehalte mit den Arabern an den Verhandlungstisch setzen. 3. Die zionistische Zielsetzung muß geändert werden: die jüdische Majorität darf nicht integrierender Bestandteil der zionistischen Ideologie sein. — Ziel ist der binationale Staat und seine Sicherung durch den Völkerbund. 4. Das Recht auf freie Einwanderung und unbeschränkten Bodenkauf bleibt aufrechterhalten — soweit die Lebensnotwendigkeiten der Fellachenwirtschaft es gestatten. Schade, daß auch der aufmerksame Hörer nicht in der Lage ist, den letzten Sinn all dieser Verzichte nach dem Vortrage Ernst Simons zu rekonstruieren. Es scheint ihm eine Art von Naturschutzpark für das jüdische Volk vorzuschweben, übeT dessen Eingangspforte der Name Achad liaams steht. Palästina soll — wie es Simon bezeichnete — „die Funktion des geistigen Zentrums" ausüben. In ihm soll nicht „Geist fabriziert" werden, und es ist auch nicht berufen, einen „Messias für das notleidende jüdische Volk" hervorzubringen. Simon hat davon gesprochen, das zionistische Temperament sei in Deutschland schwächer als anderswo. Aus dieser Feststellung leitet er für den deutschen Zionismus eine spezifische Aufgabe her: eben jene neue Zielsetzung „von den letzten ideologischen Positionen her"; das Programm des Brith Schalom. Frage: wird das große, leidenschaftliche jüdische Volk für die Verwirklichung eines solchen Programms der Ersetzung eigener, tief- 6