Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 6 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen Tatsachenbeherrsdrang und Taisadienhörigkeii Tatsachen sind bei uns die große Mode geworden — so wie es früher einmal Ideen, als ihr angebliches Gegenteil, waren. Wer die Tatsachen am besten „kennt", dem billigen wir das moralische Primat bei der Aufstellung politischer Größenordnungen zu. Wer über die jeweils zwischen Downing Street und Great Russell Street herrschenden Sentiments und Ressentiments am besten informiert ist oder informiert zu sein behauptet, der — so meinen wir — müsse auch am ehesten berufen sein, die poli-* tischen Realitäten richtig einzuschätzen und praktische Folgerungen daraus zu ziehen. So, wie man früher glaubte, der Philologe müsse der beste Dichter, und der Historiker der beste Staatsmann sein. Aber Tatsachenbeherrschung allein tut es nicht. Die „Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen**, von der Max Weber einmal gesprochen hat, kann durch Tatsachenbeherrschung weder ersetzt, noch erzeugt werden. Ohne Distanz zu Menschen und Dingen, ohne den Glauben an die eigene Kraft und das eigene Recht, schlägt Tatsachenbeherrschung in Tatsachenhörigkeit um. Die Freude an der wissensmäßigen Beherrschung der politischen Details wird unmerklich zum übertriebenen Respekt vor dem Krimskrams der Tagesgeschichte. Die Genugtuung, zu wissen, „was gespielt wird'*, wer die Drähte zieht, und wer an ihnen hängt, das Gefühl, dabei zu sein, wenn auch nicht als Mitspieler, so doch als Zuschauer in der ersten Parkettrethe — alles das erzeugt allmählich einen Zustand unkritischer Hingegebenheit, der sich bis zum völligen Verfallensein steigern kann, wenn der Glaube wankend wird. Dann geht allmählich die lebendige Berührung mit den ewig gleichen, daher weniger farbigen und weniger lauten Urkräften einer Bewegung verloren, und damit auch die Distanz, die für eine konstruktive Beurteilung politischer Dinge unentbehrlich ist. Der deutsche Zionismus ist in Gefahr, aus lauter Freude am Wissen um die politischen Details, den Blick für das Ganze zu verlieren. Was in London, Genf und Jerusalem gespielt wird, ist sicher sehr interessant — aber, gemessen an der Kraftentfaltung des jüdischen Volkes in den letzten Monaten, für unsere Willensbildung ein Politikum zweiter Ordnung. Und die Kenntnis alles dessen, was über den bekannten „Dualismus1* der Baifourdeklaration und des Mandates geschrieben worden ist, prädestiniert allein noch in keiner Weise für ein maßgebliches Urteil über die weltpolitische Möglichkeit der Errichtung eines Nationalheims. Die Deutschen können, so scheint es, keine mittlere Linie zwischen Metaphysik und Empirismus halten. Die gleiche Erscheinung erleben wir gegenwärtig im deutschen Zionismus. Jahrelang drehte er sich in seinen Lebensäußerungen um da9 „Erbe im Blut**. Jetzt sind wir dem entgegen- 5