Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir sind ein Bund von Menschen verschiedener Weltanschauung; wir wollen aber zugleich unsere Bundesbrüder zu politischen Menschen erziehen. Es besteht nun die Schwierigkeit, wie man diese Menschen an die politische Entscheidung heranführen soll. Nicht genügend ist es, wenn man lediglich eine Soziologie der Judenfrage geben will. Der eigentlich« Sinn der Politik muß darin bestehen, unseren Bundesbrüdern die einzelnen Richtungen klarzumachen und zu zeigen: Hier sind Gruppen vorhanden und dort. Aber es ist nicht möglich zu sagen: Die soziologische Ueberlegung allein ist schon Zionismus. Wir haben hier die Gruppe des alten Präsidiums, die den Zionismus rein als soziologische Frage, als formelle Lösung betrachtet. Das Präsidium als solches wollte diese rein formale Betrachtung als bewußte Erziehungsmethode einführen. Da ist mir doch eine Gruppe lieber, die Weltanschauungsdinge mit Aktivität an die Bundesbrüder heranzuführen verversucht. Deshalb brauchen wir aktive Kräfte, die weltanschauliche Aktivität ins Kartell tragen. Darum muß hier noch eins betont werden: Wir haben Typen von Menschen, die weder imstande noch gewillt sind, sich weltanschaulich zu entscheiden. Diese gehören nicht in das Kartell. Denn das Kartell verlangt eine Entscheidung, allerdings nur des einzelnen Bundesbruders, nicht des Kartells als solchem. Wir müssen daher auf diese Dinge bei der Burschenprüfung mehr Gewicht legen. Wir müssen eine Art Gesinnungsdisziplin einführen, erst dann wird das K. J. V. wieder die Avant-Garde des deutschen Zionismus sein. Gerling: Man hat gegen unser Rundschreiben eingewandt, daß es eine unzulässige Wahlbeeinflussung bilde und daß die Konvente nicht mit diesen Dingen behelligt werden dürften. Ich glaube, daß diese Fragen auf jeden Konvent gehören. Es ist kein Verbrechen, den Bundesbrüdern, die wir kennen, eine sachliche Mitteilung zu machen von den Gedanken, die uns bewegen. Diese Mitteilung muß allerdings sachlich und ohne persönliche Angriffe sein, was aber auch durchaus der Fall war. Ich habe heute vormittag darauf verzichtet, in der Generaldebatte zu sprechen, weil ich glaubte, daß Vergangenheit und Zukunft zu verbinden seien, was vor dem Referat von Schloß nicht möglich war. Ich will mich nicht auf Pogrammdebatten einlassen, denn die Programmunterschiede sind nicht erheblich. Ihr habt geschrieben, daß wir keine einzige neue Idee gebracht hätten. Das, was Schloß hier gesagt hat, ist aber auch nichts Neues, ebensowenig das von Hirsch Gesagte. Denn der Kreis des möglichetn zionistischem Arbeitsgebietes ist begrenzt, und daher ist es selbstverständlich, daß man stets auf die gleichen Methoden verfällt. Die Frage ist nur, welches Gebiet im Augenblick die dringendste Aufgabe darstellt. Ich möchte dazu einiges bemerken: Es ist hier das Wort von der Langeweile gefallen. Wer die Erstchargierten-Tagung mitgemacht hat, wird bestätigen, daß dort eine Atmosphäre der Langeweile herrschte. Was hat sie denn wirklich gegeben? Ich möchte nicht allein dem Präsidium hieraus einen Vorwurf machen, sondern auch der Aktivitas. Beide tragen in gleicher Weise die Schuld. Ich glaube, daß diese Atmosphäre herrschen 47