Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Lichtheims Kritik war völlig fehl am Platz. Wir sind ein freiwilliger Bund, wir arbeiten alle gerne mit. Man fragte doch vom Präsidium aus nach dem Gesicht des jungen K. J. V.: hier traten Bundesbrüder auf, die jung sind und die einen Weg zeigten. Hätte man wirklich Sorge gehabt um das Wohl des K. J. V., wäre es nicht nötig gewesen, von einer politischen Wühlerei zu schreiben und diese Bundesbrüder persönlich zu diskreditieren. Ich halte diesen Schritt für absolut nicht im Rahmen eines bundesbrüderlichen Zusammenhaltens liegend. Ich komme nun zu dem Vorfall Pollack: Ich habe diesen Artikel nicht verstanden. Wir wollen annehmen!, daß er über dem Sinn dieses Wortes nicht so orientiert war. Nicht über Pollack wollen wir auch' hier reden, aber wir verlangen eine eindeutige Rücknahme und Entschuldigung der J. Si- Redaktion für diesen Schritt. Auf weitere Beispiele der Vertrauenskrise möchte ich verzichten. Ich bitte euch inständig zu überlegen, ob dieser Weg der Einheit des K. J. V. dient. Weiter sprach ich von einer geistigen Krise: Tuchler sagte, es sei nicht opportun, wenn ein K. J. V.-er von seinem Bund erkläre, daß er an Geltung verloren habe. Aber etwas an dieser Behauptung ist wirklich richtig; wir sagen das doch nur, damit das K. J. V. wieder als mitwirkender Faktor auftritt. Seine Wirkung ist zurückgegangen. Man hat gesagt: der Weg unseres Kreises sei der der allzu hohen Forderungen, der Phrasen usw. Schloß hat hierzu noch eine Ergänzung gegeben: Das K. J.V. habe die Verpflichtung, unseren Freunden in ihrer wirtschaftlichen Existenz zu helfen; nur dann sei es möglich, sie aufzulockern, damit sie sich wieder bei uns mehr betätigen. Das ist ein pädagogisch verfehlter und falscher Standpunkt! Wie soll sich ein solcher Gedankengang im Kopfe eines jungen Bundesbruders auswirken? Wir alle wissen, (daß wir uns davon möglichst frei machen müssen. Zionismus muß gelebt und gelehrt werden, ohne jede Mentalreservation. Sonst werden die jungen Menschen niemals die letzte Entscheidung aufbringen. Es darf nicht möglich sein, daß junge Bundesbrüder sich dauernd entschuldigen. Wir müssen der leidenschaftlichste Kreis sein. Wenn wir ein K. J. V. mit zionistischer Vitalität hätten, dann hätten wir die Möglichkeit, die Welt der Kameraden usw. zu zertrümmern, die ohne dieses grundlegende Prinzip des K. J. V. für uns zu einer Gefahr wird. Auch wir haben Verständnis für die materielle Not unserer Menschen, aber das Bestreben nach Abhilfe der Not darf nur ein Nebengebiet unserer Arbeit sein und hat nichts mit Ideologie zu tun. Dann noch zu einer anderen Sache: Das K. J. V. hat es überhaupt schwer, eine radikale Bewegung zu sein, weil wir unserer Herkunft nach eine überwiegend bürgerliche Bewegung darstellen. Aber eins sei ohne parteipolitische Bewertung hier festgestellt: Verhängnisvoll ist es, wenn man bourgeoise Wunschgebilde hervorrufen würde/ Im Gegenteil! wir dürfen diesen Weg nicht gehen, der uns allen schon immanent genug ist, und man sollte gerade hier sehr vorsichtig sein, weil sonst der Anschluß an die Palästinabewegung unmöglich ist. Weil wir glauben, daß diese Methode falsch ist, sind wir gegen eine Politik des Retardierens und des geringsten Widerstandes. 5 29