Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Balfour war es, der sich des Dozenten, aus Manchester erinnerte, ihn fragte, ob er noch immer hoffe, daß die Juden Palästina wiedererlange«) würden und ihm zum Schluß mit einem leisen Lächeln sagte: „Wenn die Alliierten den Krieg gewinnen, so werden Sie vielleicht Ihr Jerusalem bekommen". Diese Haltung eines der mächtigsten Staatsmänner Englands, der kurze Zeit darauf das Auswärtige Amt übernahm, beflügelte selbstverständlich die politischen Bemühungen jenes Kreises von Zionisten, die damals in London an der Gewinnung der englischen öffentlichen Meinung arbeiteten. Und so flössen aus verschiedenen Quellen die Hoffnungen und Bemühungen zusammen, die schließlich in der Balfour-Deklaration endeten. Das ist die Geschichte der Balfour-Deklaration. Sie bekam ihren Namen und ihren Nachdruck durch den großen Staatsmann, der sich die aktuellen Erwägungen politischer Nützlichkeit zu eigen machte, weil er schon längst in seinem Inneren ein Zjqnist war, weil er die geschichtliche Größe des Gedankens der Rückkehr der Juden nach Palästina tief empfunden hatte. Die Persönlichkeit Balfours hat unter den Heutigen europäischen Staatsmännern kaum ihresgleichen. In ihm konzentrierten und verdichteten sich jene Tendenzen, die das englische Imperium groß gemacht und den überlegenen Charakter des englischen Staatsmannes gezüchtet haben. Er war kühl, skeptisch, gelassen und — wie die Episode seiner Gouvernjeurschaft in Irland beweist — unter Umständen bereit, mit brutaler Strenge zu regieren. Aber er war zugleich ein hoher philosophischer Geist; einer jener klassisch gebildeten Schüler Oxfords, deren Aristokratismus überlegene Weltbetrachtung und ruhige Selbstsicherheit mit antiker Bildung zu vereinigen strebt. Diese aussterbende Form des Staatsmannes war am Ausgang des 19. Jahrhunderts nur noch in den gesicherten Verhältnissen des alten Englands denkbar, das die Führung der Geschicke der Nation während vieler Generationen einem Kreis von Männern aus alten Familien anvertraut hatte, die noch nicht die Nötigung empfanden, sich dem Betrieb der bürgerlichen Demokratien, der aufsteigenden Massenbewegung der unteren Schichten oder den Forderungen und dem Machttrieb reich gewordener Industrieführer anzupassen. Balfour, der erst vor wenigen Jahren in den Earlstand erhoben und damit Mitglied des Oberhauses wurde, trug Jahrzehnte hindurch den schlichten Namen des Mr. Arthur James Balfour, obwohl er der Abstammung nach ein Cecil, also aus englischem Uradel, und ein Neffe des Marquis of Salisbury war. Balfour hat Jahrzehnte hindurch im Vordergrund des parlamentarischen Kampfes gestanden und eine ganze Serie der höchsten Regierungsämter bekleidet, aber er war im wesentlichen immer der vornehme, skeptische Grandseigneur, dessen tiefste Neigung philosophischer Betrachtung und geschichtlichem Studium galt. Er hat Bücher geschrieben und sich um die Religionswissenschaft bemüht. Er hat Vorträge gehalten und den Idealismus in der Philosophie zu verteidigen gesucht. Er war nicht — wie Lloyd George — ein Mann des Volkes und der eigentlichen Demokratie unserer Zeit. Er war ein aristokratischer Philosoph, der auch die Politik seines Landes unter geschichtlichem Maßstäben zu betrachten und, unabhängig von allen Tagesströmungen, nach Grundsätzen zu leiten strebte, die keinem Parteischema entnommen, son- 8