Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 9 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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Jugendbewegung und im Aufbauwerk Palästinas, Bewundernswert war in diesen Jahren seine Schaffenskraft. Kaum brauchte er Schlaf, der erste war er am frühesten Morgen in der Klinik und der letzte, der in der Nacht oder fast schon wieder am Morgen das zionistische Sitzungszimmer und den Freundeskreis verließ, stets munter, neue Ideen, Organisationsfragen, Probleme entwickelnd. Fast faszinierend waren oft seine Gedanken, deren scheinbare Unmöglichkeit er schnell, schlagend und logisch widerlegte, und deren Verwirklichung ihm zum Staunen aller in überraschender Weise gelang. Seine scharfe Kritik war Kritik, kein Nörgeln, kein Besserwissen, kein Miesmachen, keine Beleidigung, seine Kritik war positiv schöpferisch, sachlich und witzigt Bittere Tränen kommen uns jetzt, wenn uns sein Lachen in den Ohren« klingt, dieses herzliche, offene Lachen, dieser helle Ausdruck unversiegbarer Lebensfreude, dieser sonnige Glanz in seinen Augen. Es war seine Leistung, wenn er mit geistreichem Schlagwort oft schlimmste Situationen im kleinen Kreis oder in öffentlicher Versammlung rettete, wenn er nie eine deprimierende Sttimmung aufkommen ließ, und meisterhaft organisierte und leitete er jede Gemeinschaft, in der er fast selbstverständlich das innere Zentrum bildete selbst zu einer Zeit, da schwerste wirtschaftliche Sorgen und Nöte ihn und seine Familie bedrückten. Mit Recht war er der Mittelpunkt nicht nur der hiesigen zionistischen Bewegung, sondern großer Kreise der jüdischen Jugend Deutschlands gewesen. Er duldete keine Oberflächlichkeit, keinen lächerlichen Kompromiß, sein starker Charakter und seine zuverlässige Treue sicherten ihm das Vertrauen von Menschen, die ihn jahrelang erprobt hatten, ebenso wie von Menschen, die ihn gerade kennenlernten. Kein Opfer an Zeit und Arbeit war ihm zu groß für das zionistische Werk, keine Rücksicht auf seine eigene Person oder Gesellschaft kannte er, wenn er den rechtlichen und sozialen Kampf kämpfte für seine „verstoßenen und entrechteten jüdischen Brüder; er, der Sproß eines westdeutschen, ganz liberalen Hauses, kannte nicht Ost- oder West-Juden, er kannte nur Juden — und lebte für sie. Wohl hat ihm diese politische Stellung starke und zahlreiche Gegner gebracht, und öft ward er in kleinlicher Weise verdächtigt; aber wer ihn kannte, weiß, wie erhaben gerade sein großzügiger Charakter über jede kleine Gehässigkeit war und wie er nur das fair play im offenen Kampf achtete; und hier kannte er keine Furcht, er konnte stolz und fest vertrauen auf den Reichtum und die Tiefe seiner Gedanken, auf sein großes Wissen und seine lautere Liebe zum Judentum. So hat er gewirkt im Jugendverein und den größeren Jugend-Organisationen im Blau-Weiß und im Kartell jüdischer Verbindungen, in zionistischen Ortsgruppen und im Landesverband, in ostjüdischen, allgemein sozialen und politischen Verbänden als Jude, als Mensch und als Arzt. Er starb im Moment, da er nach völligem Berufswechsel gerade diesen ärztlichen Beruf mit dem ihm eigenen Eifer, mit Liebe und Begeisterung wieder aufnahm. Ein furchtbarer Schlag hat seiner Familie den Gatten, Vater und Sohn entrissen, uns den aufrichtigsten Freund und treuesten Führer. Albert Sulke, Hannover. 41