Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 9 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537802-3537810--7332-3545373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Angelegenheit waren, und wir glauben, daß jeder Bundesbruder, der den Zwischenfall in wirklich bundesbrüderlichem Geist erledigt sehen will, nicht nur das Negative, sondern auch das Positive an unserem Verhalten zu erkennen bestrebt sein sollte. Wir waren, um dies ganz offen zu sagen, darum bemüht, diese Angelegenheit im guten zu erledigen, und da es uns, wie sicherlich auch Dir und jedem erfahrenen Zionisten bekannt war, daß im zionistischen Leben derartige Zwischenfälle oft vorgekommen waren und immer durch Zurücknahme beleidigender Aeußerungen durch guten Willen auf beiden Seiten aus der Welt geschafft wurden, waren wir davon überzeugt, daß mit der Revokation durch Lichtheim eine ausreichende Lösung gegeben war. Nicht weil wir einen Parteimann, dessen Aeußerungen uns irgendwie sympathisch waren, schützen wollten, sondern weil wir die ganze Verantwortung für das Kartell, das jetzt keiner Beunruhigung ausgesetzt werden durfte, empfanden, und weil es uns nach den Ereignissen in Palästina unwürdig erschien, persönliche Kämpfe in das Kartell hineinzutragen, waren wir um diese Lösung bemüht, und deswegen haben wir uns sehr darüber gefreut, daß Lichtheim die beleidigenden Aeußerungen zurückgenommen hat. Es muß damit ein Ende gemacht werden, bei der geringsten Gelegenheit eine irgendwie parteipolitische Stellungnahme des Präsidiums konstruieren zu wollen, und wir verlangen als Bundesbrüder von jedem Bundesbruder das Vertrauen zu uns, daß wir die Kartellgeschäfte führen, nur geleitet von den Interessen des Kartells und frei von jeder parteipolitischen Entstellung. Ebensowenig, wie die Aufnahme des B. Z. K. ein politischer Trick des Präsidiums war, wie Du neulich in einer Berliner K. J. V.-Veranstaltung behauptet hast, — ein Vorwurf, der uns besonders unverständlich war, weil Du selbst Dich zu unserer Freude sehr lebhaft für die Wiedervereinigung eingesetzt hattest — ebensowenig war unsere Haltung bei der Beilegung des jetzigen Zwischenfalles irgendwie von politischen Sympathien oder Antipathien beeinflußt. Wir haben unsere Haltung mit dem Verantwortungsgefühl eingenommen, das uns die gegenwärtige zionistische Situation diktiert hatte, und wir verlangen, daß jeder Bundesbruder endlich davon Kenntnis nimmt. Auf Deine Anregung, das Präsidium zu ergänzen und umzubilden, möchten wir Dir folgendes antworten: Abgesehen davon, daß die verschiedensten zionistischen Anschauungen im Präsidium vertreten sind, würden wir es ablehnen, eine Umbildung des Präsidiums in dem von Dir vorgeschlagenen Sinne vorzunehmen. Man sollte unserer Meinung nach nicht nach der zionistischen Parteigesinnung des einzelnen Präsidialmitgliedes fragen, sondern lediglich danach, ob es innerhalb des Präsidiums imstande ist, die Interessen des Kartells zu fördern, denn nur darauf kommt es unserer Ueberzeugung nach an, daß das Präsidium imstande ist, wirkungsvoll für das Kartell zu arbeiten und sich jeder parteipolitischen Beeinflussung des Kartells zu enthalten. Daß Bbr. Kanowitz die Forderung aufgestellt hat, das Präsidium müßte alle Anschauungen des Kartells in sich vereinigen, war uns sehr interssant, denn wir hätten von ihm, nach seiner bisherigen Präsidialtätigkeit, diesen Vorschlag am wenigsten erwartet. 39