Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 9 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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zionistische Leben erzogene Bundesbrüder sich in diesem Leben untadelig benehmen. Ich habe mit- Bbr. Lichtheim seit mehr als 25 Jahren in engsten freundschaftlichen Beziehungen gelebt. Er stand mir näher als wahrscheinlich den meisten von Euch. Ich habe mich zu meinem tiefen Schmerz in den letzten Wochen davon überzeugen müssen, daß ihm die persönlichen Qualitäten fehlen, die ihn, unabhängig von seiner politischen Anschauung, zum Präsiden unseres Kartells geeignet machen. In der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, die eine rein politische Organisation ist, hat die Leitung in dem Augenblick, in dem sie sah, daß einige Gruppen sich zu der Behauptung gedrängt fühlen, daß eine neue Situation entstanden sei, in der die zionistische Oeffentlichkeit wiederum Gelegenheit zur Stellungnahme erhalten soll, sofort die Einberufung eines Delegiertentages proklamiert. Ehe irgendein Zionist an mich mit dieser Forderung herantrat, habe ich mich als Vorsitzender für verpflichtet gehalten, diesen Antrag zu stellen. Das K. J. V,, das kein politischer Verband ist, sondern auf dem menschlichen Vertrauen der Bundesbrüder zueinander beruht, müßte viel ängstlicher darauf bedacht sein, in jeder kritischen Situation das Votum der Gesamtheit der Bundesbrüder einzuholen. Im K. J. V. könnte doch kein Präsidium sich als legitime Leitung fühlen, wenn es nur vom Vertrauen einer vielleicht schwachen Majorität getragen wird und nicht auch vom Vertrauen der überwältigenden Mehrheit aller Bundesbrüder, wie es ja auf dem letzten Kartelltag der Fall war. Bbr. Lichtheim hat aus einem richtigen Instinkt sein Amt zur Verfügung gestellt, und es scheint mir bedenklich zu sein, daß ein Präsidium, dessen Mitglieder zum Teil heute auch kämpferisch in der zionistischen Oeffentlichkeit aufzutreten gewillt sind, die Angelegenheit im eigenen Kreise erledigt. Das Präsidium wird doch nicht behaupten wollen, daß es ein Spiegelbild aller Anschauungen des Kartells ist. Man hätte im gegenwärtigen Moment, wenn man einen Kartelltag vermeiden wollte, die Rücktrittserklärung von Bbr. Lichtheim annehmen und gleichzeitig eine Ergänzung des Präsidiums anstreben müssen. Statt dessen hat man es für praktisch gehalten, einen Bundesbruder zu kooptieren, der politisch ein Gefolgsmann des Präsiden ist. Das Rundschreiben des Kartellpräsiden ist in wesentlichen Teilen nicht nur eine Erklärung seines persönlichen Verhaltens, sondern ein erneuter Versuch "der parteipolitischen Beeinflussung der Bundesbrüder. Bei Gelegenheit der Aufrechterhaltung der Beleidigungen gegen Dr. Hugo Bergmann wird den Bundesbrüdern eine Lektion über zionistischen Hochverrat gegeben, die zum schärfsten Widerspruch herausfordert. Das Präsidium spricht dauernd von einer Erledigung der Angelegenheit und hat diese Angelegenheit schon als erledigt erklärt, ehe es Gelegenheit genommen hatte, mit Bundesbrüdern, die ihm ihre Beschwerden vorgetragen hatten, in persönliche Fühlung zu treten. Es hat sich jetzt, wie auch in früheren Fällen, wie eine bürokratische Behörde benommen, die den Bundesbrüdern Meinungen dekretiert und der die Ansichten von Bundesbrüdern nur insoweit erheblich sind, als sie sich mit der Ansicht des Präsidiums decken. 37