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Der jüdische Student · 1929-04-01 · Heft 3-4 (April 1929) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
26 (1929)
Issue
Heft 3-4 (April 1929)
Date
1929-04-01
Page
[Seite] (sequence 55)
Language
German
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über Sozialismus oder Faschismus oder irgendeinem anderen Ismus überhaupt nichts gelegen ist. Was ich herausarbeiten möchte und was das Kartell verstehen soll, ist die Notwendigkeit realer Erkenntnis unserer palästinensischen Probleme zu dem alleinigen Zweck, damit eine neue Chaluzbewegung für Palästina zu schaffen und das ganze Kartell zur aktiven Mitarbeit an einem ernsthaft verstandenen Zionismus zu bringen Es ist in der Diskussion erwähnt worden, daß der Palästina-J. St. auf manche jüngeren Bundesbrüder abschreckend gewirkt hat, weil sie daraus erst die Schwierigkeiten des Aufbaues ersehen haben. Das bestärkt mich in der Meinung, daß es gut war diesen Palästina-J. St. herauszubringen'. Palästina soll nicht als rosenrote Träumerei, sondern als Realität empfunden werden. Unsere Jugend soll lernen mit der Wirklichkeit zu kämpfen, sonst wird kein wirkliches Palästina entstehen. Ich wiederhole: Mir liegt nichts daran irgendwelche Theorien zu verteidigen oder zu bekämpfen. Ich will, daß das Kartell sich im Geist der Realität mit den Palästina-Fragen ernsthaft auseinandersetzt, um zu klaren und bestimmten Auffassungen über die Wirtschaft zu gelangen, die wir in Palästina treiben müssen, über die Kolonisationsformen, die anzuwenden sind, über die Politik, die der Zionismus zu verfolgen hat. Ich hoffe noch immer, daß es uns gelingen wird auf diesem Wege zur Wirklichkeit so weit vorzudringen, daß wir die communis opinio erzeugen, von der ich in meinem Referat sprach. Das ist kein Kampf für Sozialismus oder Faschismus, das ist ein Kampf nur und allein für die Idee des jüdischen Gemeinwesens in Palästina. In der Diskussion wurde davor gewarnt, daß ich im Kartell zu sehr eine Atmosphäre geistiger Beruhigung schaffen wolle, daß ich die notwendige Unzufriedenheit des echten Zionisten in Zufriedenheit und fröhliche Bejahung der Gegenwart verwandeln möchte. Ich verstehe dieses Argument und sage, daß jene seelische Unruhe und Unzufriedenheit immer und notwendige Elemente unseres Zionismus sein werden. Es ist schon dafür gesorgt, daß wir hier nicht zur Ruhe kommen, und diejenigen haben mich sicherlich mißverstanden, welche aus meiner Rede herauslasen, daß ich die Spannung des echten Zionisten durch Ruhe ersetzen wollte. Aber dennoch glaube ich, daß es für uns ein Erziehungsziel geben kann, welches die dauernde Krisenstimmung und das böse Gewissen, an dem manche unter uns ständig leiden, zu überwinden vermag. Ich möchte an jene Rede von den drei Verwandlungen erinnern, die Ihr in Nietzsches Zarathustra findet: Wie der Geist zum Kamele wird und das Kamel zum Löwen, der Löwe schließlich zum Kind. Damit wollte Nietzsche sagen, daß der Geist zunächst alles in sich aufnehmen und das Gemüt alles ertragen lernen muß wie das geduldige und Lasten tragende Kamel. Aber denn muß der Geist, der alle Last auf sich genommen hat, sich befreien. Er geht in die Wüste wie der Löwe, weil er Freiheit will, und wenn er diese Freiheit gefunden hat, dann wird er zum Kinde, d. h. zum natürlichen unbefangenen, aus seinem innersten Wesen handelnden Geschöpf, das dann erst zur wahren und freudigen Tat fähig wird. Wenn ich von seelischer Beruhigung spreche, so meine ich nicht die flache und törichte Beruhigung dessen, der nichts denkt und nichts will, 55

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