Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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wieder typisch für Euch „Nationaljuden!" Immer kommt die Sprache in erster Reihe. (Nebenbei bemerkt wurde die Unterhaltung natürlich hebräisch geführt.) Und dann legte ich los, wie ich dies schon so oft hier getan habe. Ich bin nämlich der Ueberzeugung, daß die Sprache selbstverständlich, daß aber der Inhalt doch die Hauptsache ist. Und wenn ich zum Beispiel vor die Wahl gestellt werde, europäische „Bildung" in hebräischer Sprache oder „Schma Jisrael" in einer europäischen Sprache zu lehren, so ziehe ich das Letztere vor; denn der jüdische Inhalt ist die primäre Forderung, und er schafft sich allmählich die jüdische Form. Schon vor dem Kriege habe ich auf einem deutschen Delegiertentage die radikale Forderung aufgestellt, daß der junge Jude sich vor allen Dingen die geistigen Güter der jüdischen Kultur zu eigen machen m u ß. Er muß selbstverständlich unsere Sprache beherrschen, sich eine gründliche Bibelkenntnis erwerben und imstande sein, ein Blatt Talmud zu lernen. Vor einigen Jahren nahm ich mir einmal einen Chaluz einer deutschen Kewuzah vor und machte ihm klar, daß die Diskussionen seiner Gruppe über neue Lebensformen sicherlich sehr wichtig seien, daß aber in dem Abschnitt „Seraim" der Mischna viel enthalten sei, was für eine landwirtschaftliche Arbeitergruppe in Palästina gar manche interessante Anregungen enthielte. Er lächelte erst etwas zweifelnd, teilte mir aber nach einiger Zeit doch mit, daß er und seine Freunde begonnen hätten, diesen Abschnitt zu studieren und eingesehen hätten, daß ich recht habe. Aehnlich ging es mir mit einem mir befreundeten deutschen Rechtsanwalt, der auf meine Veranlassung juristische Partien der „Mischna'4 kennen lernte und seitdem aufs Höchste davon begeistert und gefesselt ist. Wir kommen nicht drum rurn, meine verehrten Herrschaften, diese Kenntnisse sind die Grundlage jüdischer Geistigkeit, und der einzige jüdische Inhalt national-jüdischer Kultur. Im Erziehungswesen Erez-Israels bricht sich die Erkenntnis immer mehr Bahn, daß das diesen Grundsatz verwirklichende Erziehungssystem des Misrachi mit seinen ganz radikalen Forderungen dasjenige ist, welches wirklich jüdische Menschen erzieht. Darum ist auch die Zahl der misrachistisch geleiteten Schulen im Laufe einiger Jahre auf 66 angewachsen, darum kommen aus den verschiedensten Kolonien dauernd Rufe an den Misrachi, die dort befindlichen Schulen unter seine Leitung zu nehmen, und in dieser Erkenntnis schicken manche religiös freidenkenden Eltern ihre Kinder in misrachistische Schulen. Ist doch hier die Grundlage die jüdische Kultur, auf der dann erst das Wissen um europäische Zivilisation aufgebaut wird. Die Tatsache, daß der so viel geschmähte „Misrachi" auf dem Felde der Erziehungsarbeit in Erez-Israel trotz ungeheurer Schwierigkeiten einen vollen Sieg errungen hat, muß auch den jungen Nationaljuden in Deutschland zu denken geben. Seit ich vor 15 Jahren die Forderung aufstellte, daß der deutsche Zionist die hebräische Sprache, die Bibel und auch den Talmud 41