Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 3 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537794-3537797--6831-3544861- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Deut geringer in unserer Jugend vorhanden ist als im Anfange unserer Arbeit. Möge es so bleiben!4' Es bleibt dem Leser überlassen, wessen Ansicht er sich anschließen will. Besonderer Beachtung sei Dr. Kohners „Versuch zur Geschichte der jüdischen Politik4'' empfohlen. Kohner kommt m. E. mit Recht zu dem Ergebnis, daß Idee und Weg jüdischer Politik die gleichen sein müssen, wie bei allen anderen Völkern (vgl. Gustav Krojankers ausgezeichneten Aulsatz im Jüdischen Willen „Vom falschen Geist des Judentums") Kohner kommt weiter durch historische Beweisführung und Gegenüberstellung der englischen und der deutschen Nation zu dem überzeugenden Ergebnis: „Je einfacher ein Volk denkt, je weiter es sich von übermäßiger Selbstkritik fernhält, desto stärker ist es in politischer Beziehung." Beispiel: England. Gegenbeispiel: Deutschland, „dessen politische Unreife geradezu sprichwörtlich ist". Eine Lehre für die politischen Erzieher unseres Volkes und insbesondere unseres Kartells, in dem mit nichts so viel Mißbrauch getrieben worden ist als mit dem Wort „Politische Erziehung"! Die Festschrift enthält weiter sehr beachtenswerte Lehren für unser Kartell, die jeder, der nicht die Augen schließt, sehen müßte. Dem Außenstehenden wird klar: in Prag gibt es seit 25 Jahren eine in sich geschlossene, zionistisch und menschlich wertvoll« Korporation, die Tradition und Geschichte, Disziplin, Liebe zur engeren und weiteren Gemeinschaft des Volkes dauernden Bestand und Wirkung nach außen infolge fester innerer Struktur verbürgt. Bei uns fehlen Gottseidank die äußerlich studentischen Formen, leider Gottes aber auch alles übrige: Tradition, Geschichte, Liebe zum Kartell, erträgliche Formen usw. (Vgl. die Ausführungen Walter Steins im vorletzten J.St.) Dafür haben wir erlebt: „Politische Erziehung", „Intensivierung", „Kampf mit dem Blauweiß', Fusion, Defusion, abermals Fusion, „Zionistische Dienstpflicht", „Sozialismus"' und viele andere „Ideen", niemals aber eine innere Konsolidierung, die allein zur Wirkung nach außen befähigt. Die „kleinen" hierzu nötigen Dinge: Formen, menschliche Erziehung, Sport, Lieder, Betonung der Bundesbrüderlichkkeit, straffe Disziplin, Pünktlichkeit, Vorbereitung von Veranstaltungen, Kenntnis der Geschichte des Kartells, Umgestaltung des J.St. — sind so „selbstverständlich", daß man sie stets bisher allgemein anerkannt und niemals bisher wirklich beachtet und durchgeführt hat. Wenn man das bezweifelt, will ich einige — beliebig zu vermehrende — Beispiele geben. J.St. Erinnert sich jemand, in den letzten Jahren einmal im Jahre wenigstens die Berichte sämtlicher Verbindungen gelesen zu haben? Weiß ein Alter Herr in der Provinz, welche Verbindungen florieren, welche zurzeit eingegangen sind oder bereits seit Jahren nicht mehr existieren? Vorbereitung von Veranstaltungen: erinnert man sich noch des vorletzten K.T.? Geschichte des Kartells: im Jahre 1922 habe ich im- Auftrage des Präsidiums die Unterlagen notdürftig, soweit ich es vermochte, zusammengestellt. Sind die Arbeiten vom Präsidium fortgesetzt und ist auch nur ein Versuch in dieser Richtung gemacht worden? — Wer erinnert sich noch der „Ketzergedanken" Gerhard Hildheims, die man zuerst erregt bekämpft, dann anerkannt und dann zu den Akten gelegt hat?