Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 24 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1927)
- Date
- 1927-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Politisierung des Kartells 47 Da sie unter Umständen für die Politisierungsdebatte von Interesse sein kann, bringe ich sie zur Kenntnis des Kartells und gestatte mir, sie im Folgenden kurz zu begründen: Es wird gern so dargestellt, daß die vom Präsidium angeregte Politisierung etwas ganz Neuartiges, Vorgangsloses wäre, das mit der bisherigen Geschichte des Kartells nur schlecht zu vereinen wäre. Wer aber einen längeren Zeitraum dieser Geschichte aus eigenem Miterleben kennt, weiß es anders. In allen Zeiten, in denen B.J.C. und K.J.V. wirklich lebendig waren, waren sie politisch. Alle politischen Kämpfe des deutschen Zionismus sind hier vorweg ausgekämpft, alle Entscheidungen hier vorentschieden worden. Als Beispiel hierfür seien nur die allmähliche Durchsetzung der dem deutschen Zionismus sein Gesicht gebenden Synthese von politischem und Kulturzionismus, sowie andererseits die schrittweise erfolgte Auseinandersetzung mit dem nichtzionistischen deutschen Judentum genannt. Die Balfourdeklaration und die dadurch gegebene neue zionistische Situation haben auch unser Kartell vor eine veränderte Sachlage gestellt. Die Auseinandersetzung mit der Umwelt wurde eine Angelegenheit zweiter Ordnung, die Auseinandersetzung innerhalb des Zionismus trug aber nicht mehr so sehr oder besser gesagt so offenbar weltanschaulichen Charakter, sondern war stärker durch realpolitische Meinungsverschiedenheiten bestimmt. Die geradlinige Fortsetzung des politischen Weges des Kartells hätte es erheischt, jetzt in gleicher Weise zu diesen Differenzierungen Stellung zu nehmen wie früher zu den außenpolitischen und weltanschaulichen, das aber gerade wurde ängstlich vermieden. Das Kartell wurde als neutral erklärt, nicht nur in dem einzig zu rechtfertigenden Sinne, daß es nicht einseitig Partei ergreifen sollte, sondern weitergehend auch dahin, daß in ihm die innerzionistischen Meinungsverschie denheiten schweigen, die innerzionistischen Kämpfe ruhen sollten. Das aber bedeutete politisches Schweigen überhaupt und führte zu fühlbarem Versiegen unserer politischen Kräfte. Das Präsidium hat spät, aber hoffentlich nicht zu spät, den Versuch gemacht, diese Stagnation zu überwinden und das Kartell wieder zu politisieren. Hierbei ist es aber erstaunlicherweise auf den Widerstand unserer jüngeren Generation gestoßen. Eines ist diesen Gegnern der Politisierung zuzugestehen. Gesünder, weil organischer, wäre es gewesen, diese Bewegung hätte von unten eingesetzt und sie hätte sich an eigentlichen Gegenständen der Kartellpolitik entzündet, wie es in früheren Abschnitten unserer Geschichte bei den Programmkämpfen und den Auseinandersetzun gen über unser Verhältnis zum K.C. der Fall gewesen ist. Es hat aber dieses Vorstoßes der Führung bedurft, weil das Kartell als solches schon zu unpolitisch geworden ist. Wäre es anders, so wäre die Fusionsfrage eine eminent politische Angelegenheit geworden, während sie jetzt eine Verwaltungssache des Präsidiums geblieben ist.