Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 3 (Mai 1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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90 Zur Altherrenfrage ist, sondern unter der Führung reifer Männer unsere Jugend für die Zeit ihres Mannestums erzogen hat, so hat unsere Altherrenschaft dadurch unendlich gewonnen, daß sie Fühlung gehabt hat mit dem stetig erneuerten Idealismus heranwachsender Generationen, auf deren neue Fragen sie immer wieder neue Antworten hat geben müssen, wodurch sie gezwungen gewesen ist, die eigenen Ideen und Begründungen immer aufs neue nachzuprüfen, zu ergänzen und fortzubilden. Weil die Führer unseres Kartells persönlich, gleich der Bewegung im Großen, sich immer wieder jüngeren Geschlechtern gegenüber behaupten mußten, die sich mit alten Formulierungen und sentimentalen Erinnerungen nicht einfach abfinden ließen, haben sie in un verhältnismäßiger Zahl mit dem Fortschreiten der Bewegung wirklich Schritt halten können und sind der Gefahr der Überalterung so viel weniger ausgesetzt gewesen, als so manche namhaften Zionisten außerhalb unserer engeren Reihen. Die Verbindung mit der Jugend ist der Lebensnerv einer gesunden Altherrenschaft des Kartells. Sie muß darum in erster Reihe intakt erhalten oder wiederhergestellt werden. Dadurch, daß man die gegebene Struktur der Altherrenschaft einfach hinnimmt und für sakrosankt erklärt, verhilft man ihr nicht zur Gesundung. Nicht das ist der Fehler gewesen, daß man an unsere Alten Herren immer wieder Forderungen gestellt hat, sondern daß man nicht auf Erfüllung dieser Forderungen mit allen Mitteln gedrungen hat. Die liberale Rücksichtnahme auf Eigenheiten der Alten Herren, die Rudolf Pick fordert, klingt sehr schön, wird den jetzigen Zustand aber nur verewigen. Es müssen Mindestforderungen aufgestellt werden und es muß Sorge dafür getragen werden, daß ihre Beobachtung sorgfältig kontrolliert wird. Gerade wenn man überzeugt ist, daß die Schwierigkeiten eines im Leben stehenden jüdischen Akademikers, sich zionistisch zu behaupten, die denkbar größten sind, kann man nicht in liebevollem Nachgeben an die Schwächen der Einzelnen, sondern nur in ihrer steten Bekämpfung das Mittel zur Besserung erblicken. Zwang, Disziplin und Kontrolle sind häßliche Worte und Begriffe, doch wir können sie nicht entbehren. Unsere Bewegung will etwas erzwingen, da ja das Natürliche für westeuropäische Juden die Assimilation wäre. Deshalb können wir die Entwickelung unserer Alten Herren nicht den durch Beruf, Wirtschafts- Verhältnisse imd Umgebung bestimmten Weg nehmen lassen, sondern müssen sie in eine bestimmte Bahn zu zwingen versuchen. In einer jüdischen Umgebung, die sich unsere Palästinaforderungen immer mehr zu eigen macht, kann sich die zionistische Organisation nur durch verstärkte Leistungen ihrer Mitglieder behaupten. Wenn unsere Gemeinschaft, wie Pick es verlangt, einen Kern des deutschen Zionismus bilden soll, dann gilt das Gesagte für sie noch um vieles mehr. Es kann nicht unser Ziel sein, aus allen unserer Alten Herren zionistische Individuali-