Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 4-5 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3537599-3537784-3537787--6028-3544158- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
72 Zur Reichstagswahl Zur Reichstagswahl von Herbert Foerder, Maccbaea, Königsberg. Nachstehende Ausführungen geben die persönliche Ansicht eines Bundesbruders wieder, und tragen keinen ofliziellen Charakter. Die Redaktion. Unter bewusstem Verzicht auf jede theoretische Fundierung soll in nachfolgenden Ausführungen versucht werden zu den deutschen Reichsiagswahlen als einem aktuellen politischen Ereignis sub specie ziomsfica Stellung zu nehmen. Hierbei wird zunächst, ehe Einzelheiten dieser Frage zu besprechen sein werden, eine Vorfrage zu ste.len sein, die dahin formuliert werden kann, ob wir als Zionisten überhaupt Recht und Pflicht haben, derartige Ueberlegungen anzustellen, d. h. ob hier nicht eine Frage behandelt werden soll, die ausserhalb unserer Kompetenz, ausserhalb unseres eigentlichen Arbeitsgebietes liegt. Die Beantwortung dieser Frage wird eines kurzen, wenn auch nur andeutenden theoretischen Hinweises nicht enibehren. können. Einer der Grundsätze zionistischer Politik, deren Richtigkeit zu erproben wir wiederholt Gelegenheit halten, ist eine weitgehende Neutralität, sowohl den einzelnen Staaten gegenüber, als-auch in diesen Staatsverbänden gegenüber den einzelnen Parteien. Diese Neutralität, (die nicht gleichzusetzen und zu verwechseln ist mit einem Uninteressiertsein zionistischer Juden an dem politischen Geschehen ihrer Wohnländer) gebot uns, uns parteipolitischen Streitigkeiten fernzuhalten, und unseren Anhängern die Möglichkeit eigener, demnach je nach der persönlichen politischen Einstellung verschidener Entscheidung offen zu lassen. Die Tatsache dieser Ausführungen, in denen der Versuch gemacht werden soll, als Zionist Stellung zu nehmen zu einem deutsch-politischen Ereignis, den Reichstagswahlen bedeutet nicht ein grundsätzlich Aufgeben unseres Standpunktes, vielmehr ergibt nur die aktuelle politische Situation die Notwendigkeit einer gewissen Einschränkung. Es handelt sich bei der diesmaligen Reichstagswahl, wie nicht bestritten werden kann, tatsächlich um eine objektive Gelährdung des psychischen und physischen Wohlergehens der deutschen Juden. Es liesse sich mit unserer Auffassung einer notwendigen Galuthpolirjk nicht vereinbaren, wenn wir in einer solchen Situation uns einer Stellungnahme völlig enthalten und auf die heute tatsächlich vorhandene Gefahr nur völlig negativ reagierten. Gerade im deutschen Zionismus, wo man in immer weiteren Kreisen erkennt, dass in unserer zionistischen Gesamt-Politik eine Betonung des Palästinagedankais, sein Primat vor jeglicher Galutharbeit sich immer mehr wird durchsetzen müssen, wird man auf der andern Seite auf tatsächlich als notwendig erkannte Massnahmen zur Erhaltung und Festigung unserer Stellung im Galuth nicht verzieh'en können. Dazu kommt als weiterer ausschlaggebender Gesichtspunkt das, was einmal mittelbares Propaganda-Interesse genannf werden darf: man würde es in weitesten Kreisen sowohl unserer Anhänger, ins-