Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 20 (1923)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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105 Der Antisemitismus als nationales Problem. Von Franz Ludwig M e y e r , Breslau. Es bedarf heute keiner besonderen Rechtfertigung mehr, das Problem des Antisemitismus vor einem zionistischen Kreise unter prinzipiellen Gesichtspunkten zu untersuchen und zur Erörterung zu stellen. Die zionistische Ocffentlichkeit hat bereits begonnen, die bisherige Einstellung der .Mehrheit der deutschen Zionisten und besonders der zionistischen Leitung und Presse zur Erage des Antisemitismus als problematisch zu empfinden. Man hat schon angefangen, die in den letzten Jahren übliche Politik des Stillschweigens zu verlassen und eine Diskussion zu eröffnen, die in ganz wenigen Punkten auch bereits eine Aenderung der praktischen Arbeit der zionistischen Leitung mit sich gebracht hat. In diese Diskussion wünschen die nachfolgenden Ausführungen einzugreifen allerdings ohne sich damit dem. Standpunkt anzuschließen, daß das Problem des Antisemitismus lediglich ein Problem der zionistischen Theorie sein könne. Es wird sich zwar nicht umgehen lassen, zu den theoretischen Ueberzeugungen deutscher Zionisten Stellung zu nehmen, weil eine theoretische Ueberzeugung die einzige Stellung ist, die diese Zionisten zum Problem des Antisemitismus haben. Aber es sei von Anfang an nachdrücklichst betont, daß meine Absicht dahin geht, die Bekämpfung des Antisemitismus als ein Problem der zionistischen Politik aufzuweisen. Die Bekämpfung des Antisemitismus ist sehr oft überhaupt nicht für eine Aufgabe -des Zionismus gehalten worden. Ein Leitartikel der Jüdischen Rundschau in Nr. 97 vom S. Dezember 1922. mit dem wir uns noch öfters zu beschäftigen haben werden, charakterisiert diese Einstellung sehr treffend, wenn er bemerkt: „Die deutschen Zionisten haben es im allgemeinen abgelehnt, sich mit der Bekämpfung des Antisemitismus zu beschäftigen.1' Wenige Zeilen später heißt es: Zurückgehalten haben wir uns aber in Deutschland gegenüber dem Antisemitismus. Dafür waren viele Gründe maßgebend. In richtiger Erkenntnis der symptomatischen Bedeutung des Antisemitismus für die Beurteilung der gesamten .Judenirage betonten wir, daß Antisemitismus eine unvermeidliche Folgeerscheinung der .Minoritäis- und Golusexistenz unseres Volkes ist, daß alle Mittel der Aufklärung bestenfalls Palliativmittelchen sind und nur die radikale Aenderung der Verhältnisse im jüdischen Volk durch die Errichtung eines nationalen Zentrums in Pasästina grundlegenden Wandel schaffen könne." .Mit den letzten Worten ist bereits ein Teil der Argumente wiedergegeben, die angesichts der gegenwärtigen Situation anstelle der bisher üblichen Zurückhaltung eine Rolle zu spielen beginnen. Ein weiteres Argument findet sich in -den Sätzen, die zwischen den beiden von uns ziEerten Partieen zu lesen sind: ..Zwar ist der Standpunkt, der alle Energien unserer Bewegung nur auf den unmittelbaren Palästinaaufbau beschränkt wissen will, längst überwunden. Schon aus der Erkenntnis heraus, daß auch die folgende Generation am Aufbau Palästinas mitzuwirken hat, sind wir an der Erhaltung des Galuth-Judentums auf das ernsteste interessiert.41 Worin besteht also, das ist zunächst zu fragen, die veränderte Stellung, die heute die zionistische Leitung zum Problem des Antisemitismus einnimmt? Wir gewinnen darüber ein klares Bild, wenn wir außer dem bereits erwähnten Leitartikel der Jüdischen Rundschau noch eirrge andere Aeußerungen und Aktionen führender Zionisten heranziehen. In .München, der Hochburg, der antisemitischen Bewegung, hat mau zionistische Versammlungen veranstaltet, in denen Gustav Kroiar.ker über den Antisemitismus sprach. Wir lesen darüber einen ausführlichen Bericht in Nr. 4 des Jüdischen Echo vom 26. Januar d. Js. und in einem Brief aus München, den die Jüdische Rundschau in Nr. S vom?6. Januar d. Js. abdruckt. Matte der deutsche Zionismus sich bisher bei der Bekämpfung des Antisemitismus zurückgehalten, so war er, nach dem Zeugnis von Eritz Lüwenstein in der Jüdischen "Rundschau, bereits zu der E'nsicht gelangt»