Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1922)
- Date
- 1922-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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3*_ Der Kartelltag Nur der irgendwie schadhafte Organismus ruft nach Gesundheit. Die wahre Persönlichkeit ist sich ihrer selbst als Persönlichkeit nicht bnvußt. Nur wer nicht Persönlichkeit ist, fürchtet dauernd, sein „Ich" im Wirbel des Lebens zu verlieren. Die wahre Persönlichkeit bindet die Elemente, gibt ihnen Geist von ihirem Geist, ohne sich dieses Prozesses bewußt zu sein. Den „Freiburgern", die als die Interpreten Hold heims glaubten, als Opposition auftreten zu müssen, einige Worte mehr (wie erstaunt waren sie, daß der Kartelltag nicht in Aufruhr geriet, ob der „Freiburger Tfcesen"). Die eine Komponente der „Freiburger Richtung44 ist das Gefühl der Unzulänglichkeit, — von dem wir bis zu einem gewissen Grade alle nicht ireü sind — nur daß wir aus den menschlichen Unzulänglichkeiten keine PMosophie machen wollen. — Die andere Komponente ist das Verlangen nach „Reinigung der Atmosphäre'4. Man seufzt unter dem Joch der unerfüllbar scheinenden Forderung. Aber ist die 'Befreiung nicht zu teuer erkamft mit der Schmälerung der als notwendig erkannten Forderung, betrügt man sich nicht mit den „Minimalforderungen"? Wir glauben, daß der Mensch durch die Größe der Forderung Wachsens kann. — Fs zeigte sich auf diesem Kartelltag recht deutlich, daß uns von dieser Opposition (den Freiburgern) nicht eben sehr viel trennt. Wir werden uns in dem Maße'näherkommen, indem wir arbeiten. Eine andere Art von Opposition; mit der wir uns aber nicht mehr auseinanderzusetzen haben, wurde durch L e 1 e w e r repräsentiert. Wir lassen die Frage offen, ob der Vorstoß L e 1 e w e r s lediglich außenpolitische Grünsde hatte (die Argumente waren „Binjan-Haarez44 von reinstem Wasser), oder ob szin Erscheinen vor dem Kartelltag so zu deuten ist, daß L eile wer das KJV. heute wieder für ein Forum hält, dem man „Klarsteltag44 schuldet und an das man appellieren muß. (Bileski in seiner Schlußrede.) So die Opposition. Sie trifft nirgends den Kern der Dinge. Fs liegt keine Veranlassung vor. unter ihrem Druck den in Leipzig genommenen Kurs zu revidieren. Doch wäre es verfehlt, die Berechtigung dieser Behauptung nur daraus herzuleiten, daß sich auf dem Hannoveraner Kartelltag keine wirkliche Opposition gegen diesen Kurs erhoben hat. Die wesentlichste Bestätigung ist uns unsere Arbeit, von der dieser Kartelltag zeugte. Bei der Beurteilung der geleisteten Arbeit vergesse man nicht: uns trennt ein Jahr vom Leipziger Kartelltag, der doch heute als die Richtschnur unserer Arbek gilt. Und der Leipziger Kartelltag war nicht bescheiden in seinen Anforderungen, gehen sie doch der vorhin skizzierten Richtung als unerfüllbar! Wir glauben heute so weit zu sein, daß wir sagen .dürfen: Das Kartell lat n i c h t v e r s a g t. (Wir klopfen uns dabei nicht selbstzufrieden an die Brust, aber die Achtung vor dem Kartell gebietet uns. das auszusprechen.) Wr berufen uns weniger auf die Berichte der einzelnen Ressorts, aus denen hervorgeht, daß überall Anfänge da sind ,als auf den Eindruck, den der Kartelltag machte. Dkfreudige Selbstverständlichkeit, mit der die hebräische Begrüßung unseres Präsiden aufgenommen wurde, die Tatsache, daß der Kartelltag Jen verschiedenen hebräischen Ansprachen mit Verständnis folgte, sagt mehr, als das die besten Ressortberichte tun könnten. (Es sind noch nicht zwei Jihre her. daß auf dem Biau-Weiß-Bundestag in Mühlheini die einz:ge hebräische Ansprache als etwas iranz Besonderes aufgenommen wurde.)