Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 82)
- Language
- German
- Belongs to
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BUCHBESPRECHUNGEN. Siegfried Ber n f e ld, K i n de rheim Baumgarten. Bericht über einen ernsthaften Versuch mit neuer Erziehung.: Jüdischer Verlag, Berlin 1921. Dieses Buch bringt uns die Geschichte einer neuen Gemeinschaftserziehung, getragen von Menschen, die, ihrer Verantwortlichkeit bewußt, leidenschaftliche Gesinnung mit prüfender Wissenschaftlichkeit vereinigen. Es ist das einzige Erfahrungsmaterial, an dem wir diese Ideen messen können, die die Grundlage der „neuen" Erziehung bilden, mit der alle von uns, die pädagogisch interessiert oder bemüht sind, sich notwendig auseinandersetzen müssen. Und es ist ein unschätzbarer Verlust für unsere pädagogischiErfahrung, daß diese auf sozialistischer und nationaler Gesinnung wachsende Gemeinschaft, die sich unter der Leitung Bernfelds aus einer Horde von 300 verwahrlosten Waisenkindern entwickelte, von der Organisation des joint lange vor der Reife sinnlos zerschlagen wurde. Die Ursachen dieser Zerstörung sind — in vieler Hinsicht außerordentlich aufschlußreich — in der Geschichte des Heims dargestellt. Es ist nicht möglich, in einer kurzen Besprechung auf das real Berichtete dieses klaren, knappen und inhaltsreichen Buches einzugehen. Es sei vielmehr versucht, ganz kurz darzustellen, mit welchen Gedanken* Bernfeld an das Kind herangeht, was das Ziel seiner Erziehung ist und mit welchen Methoden er es anstrebt. Die realen Erfahrungen, die in diesem Buche niedergelegt sind, zeigen die Richtigkeit seiner theoretischen .Fundierung. Bernfeld sieht im Kinde einen eigenen menschlichen Typus, der autonomen Gesetzen gehorcht, die nicht die des Erwachsenen sind. Diesem kindlichen Menschen, den er mit allen Reehten der Persönlichkeit ausgestattet empfindet, tritt er auf der Basis der als natürlich gefühlten Gleichberechtigung mit Liebe und Achtung entgegen. Das Ziel seiner Erziehung ist der sozialistische Mensch, der erfüllt von freudiger Arbeitsgesinnung und brüderlicher Liebe zu seinen Mitmenschen sich in Freiheit unter selbstgeschaffenes Gesetz stellt. Bernfelds pädagogische Maßnähmen sind mehf ein Nichttun als ein Tun. Unter strengstem Verzicht auf autoritatives Befehlen und Verbieten setzt er sich vor allem die Aufgabe, durch liebevolle Beobachtung das Kind zu begreifen und die dann erkannten Affekte des Kindes zu erfassen, um sie durch sinnvolle Fixierung zu veredeln. Prinzipielle Erkenntnisse über die kindliche Psyche, an denen er seine Beobachtungen orientiert, erhielt er durch die Freudschen Theorien. Das wichtigste Instrument erzieherischer Wirkung bietet ihm die zusammenlebende und arbeitende Gemeinschaft der Kinder und Erzieher, denn diese löst die egoistisch-gebundenen antisozialen Affekte des Kindes ab von dem eigenen kleinen Ich Ond fixiert sie dann neu und fruchtbar auf sich selbst, die Gemeinschaft, d. h. auf ein übergeordnetes soziales Ich. : Für den,- der den entscheidenden Wert einer solchen Gemeinschaft ein-- gesehen hat, resultiert Folgendes: Es ist sinnlos, hier Kompromisse irgendwelcher Art zu machen. Man kann, nicht Dinge oder Institutionen aus der