Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3537599-3537768-3537772--5547-3543666- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
*7 verblaßten Symbole, wie Staat, Religion, Kirche oder Familie oder Jenseits. Alles erschien durch natürliche Voraussetzungen bedingt, von Gesetzlichkeit, Notwendigkeit beherrscht. Ganz der Herrschaft der Naturgesetze unterworfen, bedürfte das menschliche Leben auch nicht menschlicher Normierung. Aus eigener Notwendigkeit dem „Ziele" nähergetrieben, mochte man sich aller Führung durch Grundsätze, aller Orientierung nach leitenden Ideen ungestraft entziehen. Das bedeutete Schrankenlosigkeit des Individuums, das ganz auf sich (den Einzigen) gestellt war. Vor diesem Individualismus fielen in Westeuropa fast die letzten Gemeinschaftsbande der jüdischen Nation. Aber der aller Autorität entbundene Mensch war nicht der vollendete. Denn es trat ja nicht an die Stelle der bestrittenen Lehren, Ideen, Förderungen etwa neue Gewißheit, also neue Lehre, neue Autorität. Sond'efrn der Mensch blieb suchend, sich nicht unterordnend, also ablehnend, unvollkommen und zweifelnd. Der individualistische Naturalismus gab nicht die Festigung und Beruhigung, deren unsere Seele bedürftig und die nur dem Beherrschten eigentümlich ist. Und, das menschliche Streben nach Beant» wortung der Lebensfragen, nach Behebung der Zweifel, nach diesseitiger Belebung und Verankerung erfüllend, wurden an die Stelle der entwurzelten nun neue, in dem Gedankenkreis und Aktions» radius der jüngsten Kritik beheimatete Idole gesetzt und zu Herrschern erhoben: Kultur, Rasse, Klasse und andere; ihren Ge* setzen unterwarf man sich. Das mochte manchen als Umkehr oder als Synthese anmuten, Lehre und Leben, Glauben und Wissen schienen versöhnt. Aber es ist doch nur ein gradueller Unterschied, nur eine andere Stufe Mer Mechanik, wenn an die Stelle des Individuums die Gruppe tritt und sie als das natürliche Gewächs angesehen wird, auf das jetzt der ganze evolutionistische Gedankenkomplex zur Anwendung kommt. Die Gruppe ist es nun, die nach den natürlichen Gesetzen lebt, sie hat ihre Entwickelungsrichtung, ihre Notwendigkeiten, ihr Schicksal. Und so wenig die Grenzen der Gruppe und des Individuums zu fixieren sind, so wenig sie sich gegeneinander abstecken lassen oder Grenzüberschreitungen wahrzunehmen (öder gar zu verhüten) sind — so wenig stellt diese Lehre einen Fortschritt gegenüber dem von ihr kritisierten Individualismus dar, sie ist ein 2