Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 5 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3537599-3537761-3537766--5305-3543420- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
186 Sind das Ketzergedanken? nationale Wille und das nationale Einheitsbewußtsein, sondern ebenso und unbewußt vielleicht noch weit stärker die gemeinsame Oppositionsstellung all dem gegenüber, was ich schlagwortmäßig mit Duekmäusertum, Mangel an Bekennermut, Elternhaus usw. bezeichnen möchte. Der starke Geist des Protestes, der allein Jugendbewegungen zu schaffen und zu tragen imstande ist, erfüllte unsere Leute, in ihrem Bewußtsein?,mörtelten sie das Morgen der kommenden Zeit". Der weitaus größte Teil kam zum Zionismus nicht auf dem Wege über das Judentum, soll heißen als selbstverständliche Konsequenz jüdischer Erziehung und jüdischer Tradition, sondern auf dem Umwege der lebendigen Erkenntnis, daß das bisher geführte Leben den in ihnen liegenden Bedingungen nicht gemäß und daher unerträglich sei. Man brauchte ein Gefäß, in das man seine revolutionären Energien einlassen konnte, und da genug jüdisches Gefühl, „funktionelles Judentum" in den einen lebendig war, in^den andern, soweit es verschüttet lag, durch persönliche Einwirkung aufgedeckt und bewußt gemacht wurde, wurde die zionistische Idee * mit Begeisterung aufgenommen und zur tragenden Idee des Lebens proklamiert. Die V. J. St.en, in denen man sich mit Gleichdenkenden vereint wußte, wurden im Bewußtsein der Bjundesbrüder zu Eidgenossenschaften, zur Avantgarde einer neuen Zeit. Obwohl diffizilere Naturen auch damals bereits die vielen Restbestände empfanden, obwohl sie begriffen, daß wesentliche Bedürfnisse in der Korporation keine Berücksichtigung finden konnten, — trotz alledem fühlte man sich aus innerster Uberzeugung berechtigt, sie Heimat zu nennen. Hier war man zu Hause, hier-wußte man, daß man verstanden wurde, hierhin flüchtete man sich beglückt aus den Mißverständlichkeiten und Unerträglichkeiten des Umweltlebens. So war es früher. Und heute? Der fundamentale Unterschied zwischen damals und heute liegt darin, daß aus der Utopie eine Wirklichkeit, aus leuchtendem Traum mühevoller übersehbarer Alltag geworden ist. Im Wesen , jeder Idee liegt es begründet, d^ß eine Entwertung eintritt, wenn sie ihre reine, abstrakte Form aufgibt und in die Niederungen der Verwirklichung tritt. Der Jugend, die heute, nach San- Reirio, zum Zionismus gelangt, kann aus mancherlei Gründen der Schwung der früheren Zeit nicht mehr innewohnen. Das eine Moment, daß diese Menschen die entscheidenden Jahre der Pubertät ■ in der Zeit des Krieges und der 'Nachkriegswehen erleben mußten, daß seelische Zermürbung nicht ausbleiben konnte und vielfach auch die Folgen der Unterernährung sich bemerkbar machen — diesen viel zu wenig beachteten Grund will ich hier hur kommentarlos erwähnen. Entscheidend scheint mir zu sem, daß das, was uns damals als treibende Kraft der Gemeinschaft zuführte, nämlich KampTe.instellung, Verschwörergesinnung und hoffende Gewißheit, Menschen gleicher Art zu finden, — daß all diese stimulierenden Momente heute mehr oder weniger. entfallen. Die Lage hat sich verändert. Der Zionismus ist in der Vorstellung unserer Mitmen-