Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 3 (April 1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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Buchbesprechungen 125 Siegfried B e r n f e 1 d : Kinderheim Baumgarteu. Wir wünschten, wir müßten weniger von Erziehung reden, wir wünschten, wir wären wie die klassischen Helenen, oder unsere klassischen Ahnen, bei denen es nicht des künstlichen Mittels der Erziehung bedurfte, um aus Kindern Menschen zu machen, bei denen die Jugend von selbst in die bestehende, ihrer selbst sichere Gesellschaft hineinwuchs. Wir aber, die wir unsere Gegenwart' verneinen, sind von selbst auf Erziehung hingewiesen, um durch sie uns und unsere Zukunft zu gestalten; und so ist in diesen Heften viel, vielleicht mehr als est unserem Geschmack entspräche, von Erziehung die Rede. Aber auch die große Anzahl derjenigen Bundesbrüder, die für Er- 'ziehungsfragen im strengen Sinne nur geringes Interesse haben, werden bei der Lektüre des- Bernfeldschen Berichts auf ihre Rechnung kommen. Handelt es sich doch hier um das Problem, eine unserer wichtigsten kulturellen Forderungen, die moderne jüdische Schule in der Diaspora, in die Tat umzusetzen. Und da sehen wir, wie gefährlich der zionistische Parteiapparat selbst der:, Durchführung kultureller Unternehmungen-werden kann, und wie wenig man sich ernsthaft der realen Bedeutung der kulturellen Institutionen bewußt ist, die man so beredt im politischen Tageskampf fordert (Abs. I). Die Pädagogen, die im Wiener Kinderheim Baumgarten 300 elende, zum Teil verkommene Waisenkinder, Pogromopfer nach den Prinzipien von Wyneken, Monlessori und Berthold Otto zu erziehen unternahmen, waren sich von vornherein darüber klar, daß es zwecklos sei, so ohne weiteres jüdische Kenntnisse, Symbole usw. den armen, verwirrten Kinder- Jköpfen aufzuzwingen (Abs. VIII), daß vielmehr zuallererst der Mensch in diesen halb vertierten Wesen befreit, die mißgeleiteten Affekte zur Empfindung höherer Werte entbunden werden mußten; durch das selbsttätige Erleben der Gemeinschaft im engeren Verbände der Kwuzoth, der Schulgemeinde, des Kinderheims, konnte alsdann ein wirkliches Er-, leben der nationalen Gemeinschaft mit ihren Werten und Aufgaben möglich gemacht werden (Abs. II — V). Angestrebt wurde dieses Ziel durch die bekannten Methoden neuer Erziehung (die das absolutistische autoritative Verhältnis des Lehrers zürn Schüler zugunsten einer auch für den Zögling viel schwierigeren aber um so nachhaltiger und sittlicher wirkenden freien menschlichen Zusammenarbeit aufgibt) und die pädagogischen Erfolge, die trotz der unglücklichen Verhältnisse erzielt wurden, scheinen die Richtigkeit des von Bernfeld beschrittenen Weges zu beweisen. Wenn der zweite Schritt, die Erziehung zu jüdischen Gestalten, so wenig gelungen ist, so .liegt das offenbar an der mangelhaften jüdischen Bildung der leitenden Pädagogen, die es ihnen nicht ermöglichte, auf diesem Gebiete schöpferisch zu arbeiten. Es ist natürlich ein Unding, in einer idealen jüdischen Erziehungsstätte die Seele des ganzen Werkes, die jüdische Bildung, zwei vollkommen, außerhalb des Institutes stehenden, pädagogisch unzulänglichen, hebräischen Sprachlehrern zu überlassen!! Ein deutliches Warnungszeichen für die unter uns, die sich ernsthaft auf den pädagogischen Beruf vorbereiten wollen. -Der kleine Bericht enthält noch vieles Interessante. Die Bemerkungen über die Verwaltung des He i m s sollten von jedem, der das jüdische öffentliche Leben beurteilen" lernen will, aufs aufmerksamste gelesen werden.; Für den Pädagogen "höchst wertvoll ist das; was über den Unterricht (Abs.VI) gesagt wird. Freilich dauerte der ganze Versuch viel zu kurze Zeit, um. größere Bedeutung für das jüdische Erziehungswerk erlangen zu können. Fritz Goite;in