Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 18 (1921)
- Issue
- Heft 2 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537761-3537763--5179-3543291- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Vom Berufs-Ressort - 65 Als "das Mariampoler Gymnasium gegründet wurde, existierten nur die Schulen des Herrn Dr. Carlsbach in Kowno, jein Knaben- und ein Mädchengymnasium, beide mit deutscher Unterrichtssprache. Nach dem Beispiel des Mariampoler Gymnasiums, das die erste Schule mit hebräischer Unterrichtssprache in Litauen war, folgten dann weitere hebräische Gymnasien in Wirballen, Wilkowischki, Köwno, Schaulen und Poniewisch. Alle diese Schulen sind rein hebräisch und machen nur in der Oberstufe vorübergehend Konzessionen an das Russische. Außerdem existiert in Wilkomir ein jiddisches Gymnasium. Der Lehrplan ist in Litauen noch nicht vereinheitlicht. Besonders Fächer wie Turnen, Musik, Handarbeit und Zeichnen sind wegen des Mangels an Lehrkräften sehr vernachlässigt, ihr Ausbau scheitert am Mangel an Mitteln. Im allgemeinen wird Englisch und nicht Französisch unterrichtet. Wo jedoch kein geeigneter Lehrer für Englisch vorhanden ist, oder die Schüler bereits mit Französisch begonnen hatten, wird dieses fortgesetzt. Doch hat das Französische in Litauen mit Rücksicht auf Palästina und Amerika, wohin eine starke Emigration aus Litauen stattfindet, keine Zukunft. Im allgemeinen kann das oben abgedruckte Programm von Mariampol als durchschnittlich gelten. Wo nicht die Möglichkeit für die Trennung von humanistischer und realer Abteilung möglich ist, wird die reale Bildungsanstalt bevorzugt. Beherrschen der hebräischen Sprache im denkbar größten Ausmaß ist die unumgängliche Voraussetzung für jeden, der in Litauen Lehrer werden will. Vorübergehende Konzessionen sind in Fächern wie Turnen, Zeichnen usw. möglich, bei denen der Lehrer so gut wie gar nicht zu sprechen hat.. Unterricht in Jremder Sprache kommt nicht in Frage, viel eher noch läßt man einen Lehrer auf Hebräisch unterrichten, obwohl er die Sprache nicht ganz beherrscht. Wenn der Lehrer gute Buchkenntnisse hat, d.h. unpunktierte Texte jeder Art fließend lesen und verstehen kann, ist es im allgemeinen möglich, im Laufe von wenigen Monaten die Sprache so, zu „verlebendigen", daß in ihr unterrichtet werden kann. Ist diese Voraussetzung nicht gegeben, aber besondere Sprachbegabung vorhanden, so glaubt Dr. Meyer, daß bei großem Fleiß in 2 — 3 Jahren die notwendigen Kenntnisse erlangt werden können. In diesem Falle wäre eine Übergangszeit, in der der Lehrer in einer anderen Sprache unterrichtet, denkbar. Die Aussichten des Schulwerkes in Litauen beurteilt Dr. Meyer bei Konstanz der politischen Verhältnisse als günstig. Es wird ein Netz hebräischer und jüdischer Volksschulen geben (schon heute mehr als 300), einige humanistische Gymnasien, mehr realistische Gymnasien, sowie Handels- und Gewerbeschulen. Der litauische Regierungsvörshlag verlangt die Einheitsshule, drei bis vier Jahre Unterbau, Volksschule, vierjähriger Mittelbau, Mittelschule, dreijähriger Oberbau, Gymnasium. Deutsche Zionisten werden für sämtliche Fächer dringlichst gebfaucht. Die sogenannten jüdischen Fächer, Hebräische Sprache, Jüdische Geschichte, Hebräische Grammatik, Bibel usw.. sind zwar überfüllt, aber überfüllt mit ungeeigneten Lehrkräften, die zwar über die notwendigen jüdischen, aber nicht allgemeinen und pädagogischen Kenntnisse verfügen^ Auch hierfür werden Lehrer aus Deutschland gebraucht, die aber nicht die bessere Allgemeinbildung durch hebräische Ignoranz ausgleichen dürfen. -Dr. Meyer betont, daß auch für alle nichtjüdischen Fächer ebenso viel Hebräisch gekonnt werden muß, wie für den, der Hebräisch unterrichten will, insbesondere für alle Fächer, bei denen der Lehrer frei vortragen muß: Geschichte, Geographie, Naturwissenschaften. Wer eine Fremdsprache unterrichten will, brauchte eigentlich dazu die Kenntnis derjenigen Sprachen, j die die Kinder von Hause aus sprechen, insbesondere Jüdisch. Daneben eventuell russisch-litauisch. Natürlich sind das Maximalforderungen.