Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1920)
- Date
- 1920-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Entwicklung des K.J.V. und seine Aufgaben 285 Wir wissen, daß es noch überall fehlt,, daß die Kämpfe um rechts und die Zerstörung von links uns schwer gehindert haben*): Wo liegen die Mittel, das eben bezeichnete Programm durchzuführen? Die Einen sagen: wir müssen eine neue Ideologie schaffen bezw. die ajte Ideologie weiter entwickeln. Wir müssen z.B. heute unsere stehen gebliebene nationale Ideologie mit den Weltbewegungen in Einklang bringen und uns z.B. mit dem Bolschewismus auseinandersetzen. Die Andern sagen: die Heilmittel sind die möglichst straffe Durchführung des hebräischen Sprachunterrichtes und die Durchführung der Berufsumschichtung. Ich persönlich glaube, daß es in erster Linie auf die persönliche Erziehung des einzelnen zu Verantwortlichkeitsgefühl und Disziplin und zu einem über den Parteien stehenden Nationalbewußtsein ankommt. Der Hang zum Fortspinnen von Ideologien ist bei uns von Natur sehr stark. Der Kampf um diese Dinge hat» unsere besten Kräfte für Programme, Reden, Diskussionen und Schlagworte von halbjährlicher Geltung in Anspruch genommen, während wir positiv arbeiten müssen. Die Erzielung tatsächlicher Fortschritte und wirklicher Arbeitsleistung erscheint mir als die Hauptsache des Daseinszweckes des Kartells. Die Forderung, man solle Hebräisch lernen, und den Beruf in Rücksicht auf Palästina wählen, verändert selbst, wenn sie durchgeführt wird, den Menschen nicht im geringsten. Die Forderung der Berufsumschiehtung ist für das K. J. V. in direkter Beziehung auf seine Mitglieder überhaupt ziemlich wertlos, denn das K. J. V. setzt sich ja aus Mensehen zusammen, die bei dem Eintritt in das Kartell ihren Beruf bereits gewählt haben. Wir sind hier auf einem Gebiete, auf dem die allergrößte Unklarheit herrscht, und auf dem mit den üblichen Schlagworten die schlimmste Begriffsverwirrung angerichtet worden ist. Man bat sich daran gewöhnt, ^„jüdische Berufe" festzustellen und diese als das Ideal unserer nationalen Bewegung hinzustellen, die anderen „unjüdisehen" Berufe aber zu verdammen. So wurde die Landwirtschaft ein jüdischer Beruf, so war plötzlich das Studium der Medizin ein jüdischer Beruf. (Wir werden das geringe Vergnügen haben, in einigen Jahren, wenn die Mediziner, die angeblich aus jüdischen Gründen jetzt ihren Beruf gewählt haben, nach dem Examen sind, festzustellen, daß uns der Nachwuchs für die zionistische Arbeit fehlt, weil Mediziner, die erst einmal im Beruf stehen, nach allen bisher gemachten Erfahrungen für zionistische Arbeit fast gar, nicht zu haben sind.) Der vielgeschmähte juristische Beruf bietet m. E. viel mehr Möglichkeiten, die Berufsbildung der Einstellung für ein Leben in Palästina oder für eine Tätigkeit in der Galutharbeit nutzbar zu machen, als z.B. der medizinische. Wir werden sehen, wie alle Jahr ein Beruf „jüdisch", ein anderer „unjüdisch" wird, je nach der wirtschaftlichen Konjunktur in Palästina oder Polen, vielleicht auch je nach der Erweiterung der Sachkenntnisse unserer Schlagwortfabrikanten. Aber abgesehen hiervon^ zeigt es sieh immer wieder, daß auch das Hebräisehlernen und die Einbildung, einen sogenannten jüdischen Beruf gewählt zu haben, die Leute nicht viel tauglicher für den Aufbau des Volkes macht. Wir sehen immer wieder, wie gerade solche Leute, die diese Forderung erfüllen, wenn sie zu uns kommen, unsere Arbeit nicht erleichtern, sondern erschweren. Sie bedürfen im Grunde genommen derselben Erziehung wie alle anderen nichtzionistischen Keilfüxe, sind aber schwieriger zu behandeln, weil sie sich zu Unrecht als *) Es wird wirklich der naive Einwand gemacht: „Der rechte Flügel ist abgespalten, der linke verschwunden; warum habt Ihr also noch Schwierigkeiten? Weiß man denn nicht, daß eine auf geistiger Grundlage aufgebaute Organisation, die 6 Jahre lang gar nicht oder falsch geführt und immer neu erschüttert und zerstört wurde, nicht in einigen Monaten zu restaurieren ist? Überdies fehlenuns in den Verbindungen und im Präsidium die Generationen von 5 Jahren (ein Teil ist gefallen, "ein Teil von dem linken Flügel, der damals herrschte, in prinzipieller Ablehnung der Werbearbeit nicht zu uns herangezogen, ein anderer Teil vom linken Flügel so „erzogen", daß er für uns keine Arbeit leistet), gerade die Leute, die heute Träger der Arbeit sein müßten (die Leute, die heute die Arbeit ifach machen, sind überaltert). Es wird Jahre danern, bis diese Lücken ausgefüllt sind.