Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537754-3537757--4941-3543107- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kaufmann, Anregungen zum Geschichtsunterricht 139 Die bisherige Geschichtsdarstellung ist nach Gesamteinstellung und nach Auffassung der Zusammenhänge für uns unzureichend. I. Die Geschichtsdarstellung der Assimilation 1. Die Geschichtsdarstellung der Assimilation wollte darstellen, was wir mit den „Anderen" gemeinsam haben, verdecken, was uns von ihnen trennt. Wir wollen aufzeigen, was uns eigen- und einzigartig macht. Das ist nationale Geschichtsdarstellung. 2. Die Geschichtsdarstellung der Assimilation betrachtet die jüdische Geschichte als etwas abgeschlossenes, das ohne Beziehung zur Gegenwart und Zukunft ist. Sie seziert einen toten Körper. Uns soll die Vergangenheit Schlüssel sein für das Verständnis der jüdischen Gegenwart, sie soll uns den Weg in die Zukunft weisen. Das ist die zionistische Geschichtsdarstellung. 3. Die Geschichtsdarstellung der Assimilation faßte die geschichtlichen Zusammenhänge rein rationalistisch individualistisch auf. Alles wurde aus der Vernunft des oder der einzelnen abgeleitet. Für Massenkräfte hatte sie kein Verständnis. Wir erkennen, daß Träger der jüdischen Geschichte das Volk als solches ist. Daß sie zwar nicht im sozialen, wohl aber im tiefsten Sinne kollektivistisch ist. II. Die Geschichtsdarstellung des älteren jüdischen Nationalismus Auch die Geschichtsdarstellung des älteren jüdischen Nationalismus ist unzulänglich. Sie übertrug mechanisch das nationale Wesen der europäischen Völker auf das jüdische Volk. Das bedeutete aber nichts anderes als eine Assimilation mit umgekehrten Vorzeichen. Unsere Geschichtsdarstellung soll also nicht apologetisch sein, sondern national; nicht interessante Antiquität, sondern Wegweiser in die Zukunft. Wir geben die jüdische Geschichte in zweifacher Darstellungsreihe: als Geschichte und Kulturgeschichte. Hierbei bedeutet aber nicht, wie bei europäischen Völkern die Geschichte den Ablauf der großen politischen Aktionen und Kulturgeschichte die Entwickelung der geistigen Kräfte. Eine solche Scheidung ist in der jüdischen Geschichte nicht angängig. Hier sind auch die treibenden Kräfte der „politischen Geschichte" geistiger Art. Unsere geschichtliche Darstellungsreihe betrachtet vielmehr die Entwickelung des jüdischen Volkes in der Linie des Werdenden, die kulturgeschichtliche Darstellungsreihe, die Manifestationen des jüdischen Geistes in der Ebene des Gewordenen. Die geschichtliche Darstellung ist nachschaffend synthetisch; die kulturgeschichtliche betrachtend analythisch. Die Reihe der Leseabende soll einen unmittelbaren Einblick in die Schöpfungen der einzelnen Perioden der jüdischen Geschichte geben. Aus dem Zusammenwirken der drei ineinander greifenden Reihen soll das lebendige Bild der jüdischen Vergangenheit erwachsen. B) Die Methode der Arbeit. Nicht anwendbar ist für die Arbeitsgemeinschaft die alte Methode der Vorträge, bei der die Zuhörer eine rein passive Rolle spielen. Bei der Erarbeitung der jüdischen Tatsachen stehen uns keine Lehrer und keine Lehrbücher zur Verfügung. Wir müssen uns gegenseitig vorwärts helfen. Jedes Mitglied der Arbeitsgemeinschaft soll sich ein bestimmtes Gebiet der jüdischen Tatsachen erarbeiten und es den anderen vermitteln, um von ihnen anderes zu empfangen. Die Mitarbeit der jeweils höheren ist eine dreifache: 1. Vorarbeit. Das Rohmaterial wird als bekannt vorausgesetzt, so daß der Vortragende nur die Entwickelungslinien und Zusammenhänge aufzuzeigen hat. 2. Mitarbeit. Das behandelte Gebiet soll gemeinsam noch weiter geklärt werden, dazu dient die Aussprache, die nach jedem Vortrag und das Kolloquium, das in regelmäßigen Zeitabständen stattfindet.