Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 4 (August 1920)
- Date
- 1920-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3537599-3537754-3537758--5007-3542949- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
270 Außenarbeit*) Von Ernst Feilcherifeld, Berlin Gegen unsere Palästinaarbeit sind meines Wissens von studentischer Seite ernsthafte Angriffe noch kaum erfolgt Das von Benjamin Sigel aufgebrachte und bald darauf von Graf Reventlow aufgegriffene Argument, die Zionisten seien vaterlandsgefährhche Englandfreunde, ist in den Studenten Vertretungen noch nicht geltend gemacht worden. Sollten K, C. er irgendwo den Antisemiten diese Waffe zur Verfügung steilen, so könnte man sie darauf hinweisen, daß auch nach Ansicht der meisten und der maßgebenden Berliner H C. er diese Politik schlechthin für das Judentum alier Richtungen gemeingefährlich ist Den Antisemiten selbst gegenüber wäre auf die ZangwiHsche Unterscheidung von Judäern (palästinensischen Bürgern) und Zionisten hinzuweisen. in der Studentenschaft ließ sich — wenigstens in Berlin — im allgemeinen ein gewisses wohlwollendes Interesse für die nationaljüdische Bewegung feststellen, ohne daß sich jedoch dieses Interesse zu einer judenfreundlichen Politik verdichtet hätte. Um den Beifall der Deutschvölkischen zu werben - etwa durch in den Studenten« Vertretungen, gehaltene Propagandareden — halte ich für Zwecklos und unwürdig. Die praktische Bedeutung des an den Hochschulen herrschenden Judenhasses liegt für den Moment vor allem darin, daß die Ober* schiebt in der Provinz dauernd verhetzt bleibt, dadurch einem Teil der in der Provinz lebenden Juden das dortige Leben verleidet und so die kleinen Gemeinden noch mehr als bisher herabsinken. Insofern besteht auch ein zionistisches Interesse; denn in den kleinen Gemeinden ruht ein beträchtlicher Teil der jüdischen Volkskraft. Die alltägliche Äußerungsform des Judenhasses war die des Radaus. Sowohl der K C als auch wir waren uns in Berlin in der letzten Zeit darin einig, daß es sinnlos und unwürdig ist, derartige Erscheinungen durch emsthafte oder gar pathetische Abwehrreden zu bekämpfen. Die einzig gegebene Form ist die einer kühlen* leicht ironischen Feststellung, Allmählich ist auf allen Seiten in Berlin der Wunsch entstanden, die dauernden Hetzdebatten durch positive Arbeit zu ersetzen; demgemäß ist der Radau ah tisemitismus hier bis auf kleine Reste zurückgegangen. Obgleich der Radauantisemitismus sicher die ungefährlichste Form des Judenhasses fst, ist damit doch auch für uns praktisch etwas gewonnen: der Durchschnittsdeutsche ist unpolitisch, er betreibt eine energische Bekämpfungspolitik im allgemeinen nur, solange sein Haß in heller Flamme gehalten wird. (Selbstverständlich gilt dies nur vom Antisemitismus als bewußter Partei- und Massen- *) Der Artikel stimmt iahakiich mit meinem auf der Erstchargiertentagung am 2,11.1920 geHalteneu Referat überera.