Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 12 (1915-1916)
- Issue
- Heft 4 (13.10.1915)
- Date
- 1915-10-13
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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100 Der Jüdische Student Er hat kein Lebenswerk zurückgelassen. Dazu war er noch zu jung, noch zu sehr an sich selbst feilend und arbeitend. Als ich ihn kennen lernte, war er zweites Semester und stand mitten im Kampfe um seine Stellung zum Judentume. Er hat ihn durchgehalten mit dem heiligen Ernst/ der ihm zu eigen war. Reich gesegnet ging er daraus hervor: Jude zu sein, ward ihm fachende Selbstverständlichkeit Nicht durch das ehrwürdige Dunkel alter Scharteken, nicht durch das Nachempfindenlernen ihm fremder Stimmungen ging sein Weg nach Zion; so freudig und so sonnig wie sein ganzes Temperament, so sollte auch der Weg sein, der ihn ins Heimatland zurückführte. Er hat es mit eigenen Augen nie gesehen und stand doch seine ganze Sehnsucht dahin. Ein eigentümliches Blinken war in seinen Augen, wenn ich ihm von den frohen Wandertagen unserer ersten Palästinafahrt erzählte. Er war „der V.J.St-er!" — Ihm war die W J. St. in gleichem Maße Freundschaftsbund und Herrscher auf dem Wege zum Ideale, Er war für jeden Bundesbruder da, in allen Fragen und in allen Nöten. Mit der ganzen Lauterkeit seines Wesens setzte er sich dafür ein, die andern zu lehren, das Trennende zu vergessen und das Einigende zu pflegen. So ward er Mittelpunkt jenes jungen Kreises,, der dem V.J. St Berlin einen neuen Rückhalt gab. „ Er kaprizierte sich nie auf etwas, im Gegenteil, er war der erste, der zu Konzessionen geneigt war, solange sie sich mit dem für richtig befundenen Wege vereinbaren ließen, aber sein Ziel hat ihm keiner auch nur um Haaresbreite verrückt. Dafür setzte er sich ein mit „der ganzen Kraft seiner energischen und so kindlich lauteren Persönlichkeit. Wir hatten so große Hoffnungen in ihn gesetzt, und nun ruht er irgendwo in Feindeserde, gefallen für das deutsche Land, dem er in sittlicher Pflichterfüllung sich selbst zur Verfügung gestellt hatte. Von vielen, starken Schultern getragen, bricht unser Ideal sich den Weg. Das glauben wir mit der ganzen Kraft unserer Seele und das gibt uns Trost, mag auch die Stunde kommen, die uns fordert. Der Strom des Lebens rauscht vorüber an denen, die am Wege sterben. An Deiner Ruhestätte, Berthold Goldstein, stehen wir schluchzend, die wir Dich hatten: wir fühlen es, wir sind ärmer geworden.