Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 12 (1915-1916)
- Issue
- Heft 4 (13.10.1915)
- Date
- 1915-10-13
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 95 Carl Beifus Carl Beifus sprach im Freundeskreise viei und gern über seine Stellung zu der Umwelt und ihren Problemen, doch standen ihm wenige innerlich wirklich nahe. Er war gesellig, mitteilsam und doch wieder verschlossen, ging gern seine eigenen Wege und trug schwerer als viele an den Zwiespalten des modernen Juden. Der Schlüssel zu seinem Wesen liegt in dem Milieu, aus dem er hervorgegangen ist. Eine Wanderung durch das wa!d- und wasserreiche Gebirge des Sauerlandes führte mich in das vergessene Städtchen, wo er gebgren wurde und wo seine Familie wohnt. Der Vater ist ein angesehener Mann und Stadtrat im Ort; die Vorfahren sind schon seit dem 12. Jahrhundert in der Gegend ansässig. In wenigen Strichen Deutschlands findet man eine solche Verwachsenheit der jüdischen Geschlechter mit der bewohnten Scholle, wie dort im südlichen Westfalen und benachbarten Hessenland. Der Wald, der Boden, die Vergangenheit des Ortes und des angestammten Herrenhauses mit seinem Feudalschloß und seinen reichen Erbgütern, all das ist dem heimischen Juden lieb und vertraut wie das Geschick der eigenen Familie In diesen Traditionen wurde Carl Beifus groß. Als er zu Beginn seiner Studienzeit auf den Zionismus stieß, hatte er schwere innere Kämpfe zu bestehen. Er fühlte sich zu bodenständig auf der Scholle seiner Väter, um unsere Gedankengänge zu verstehen, die ihm mit dem jüdischen Volk in seiner Gesamtheit auch den einzelnen Juden heimatlos und entwurzelt erscheinen ließen. Erst wenige Wochen vor dem Ende seines ersten Semesters trat er in den V. J. St Heidelberg ein. Dann wurde die schwer errungene Ueberzeugung bald fest Mit aller Bedächtigkeit und Gründlichkeit, die ihm von Haus aus eigen war, war er an die jüdische Frage herangetreten. Als er sie für sich gelöst hatte, gab es kein Zurück mehr. Das jüdische Blut sprach in ihm und verdrängte die starken assimilatorischen Einflüsse der heimatlichen Traditionen. In den jüdischen Gemeinden des Westfalenlandes ist die orthodoxe Religionsauffassung der Vorfahren längst verdrängt durch eine seltsame Mischung von selbstgesetzten und beobachteten Geboten. Jeder macht sich seinen eigenen Schulchan Aruch. Den Söhnen gibt dieses Judentum begreiflicherweise nicht viel. Die meisten werden indifferent